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Ibogaine
5.Kapitel aus dem Buch Naranjo's
Ibogain - Wachtraum und Wirklichkeit
Claudio Naranjo
Ibogaine ist eines von zwölf Alkaloiden, die man aus der Wurzel
einer westafrikanischen Pflanze, Tabernanthe iboga, isolieren kann. Vagen
Berichten zufolge wurde es im Kongo vorwiegend als Stimulans benutzt,
und als solches wird es auch bei DE ROPP in DRUGS AND THE MIND angeführt.
Und ebenfalls als Stimulans fand es vor einigen Jahrzehnten Eingang in
die französische Medizin. (GERSCHOMS Feststellung, dass Ibogain ein
Inhibitor [Hemmstoff] für MAO [Monoaminoxidase] ist, dürfte
eine Erklärung für seine Anwendung nach klassischer Methode
bieten und beweist, daß es - schon lange vor dem Auftauchen von
Iproniazid, Rofranil und so weiter - das erste Antidepressivum dieser
Art der Schulmedizin ist.)
Im Juli 1966 legte ich bei einer Tagung über psychedelische Substanzen
, die RICHARD BAKER (Roshi) in San Franzisco für die Universität
von Kalifornien organisiert hatte, einen Bericht über meine ersten
Versuche mit dem Alkaloid in Verbindung mit der Psychotherapie vor, in
dem ich die halluzinogenen Wirkungen bei größeren Ibogaindosen
beschrieb. Seitdem ist es im gleichen Zusammenhang von einer zunehmenden
Anzahl von Psychiatern, vornehmlich in Südamerika, angewandt worden.
Meinem hiesigen Bericht an dieser Stelle habe ich die Aufzeichnungen von
vierzig therapeutischen Gruppensitzungen mit dreißig Patienten zugrunde
gelegt, bei denen ich entweder Ibogain oder reinen Iboga-Extrakt benutzte,
sowie von zehn Sitzungen mit einer anderen Gruppe, bei der ich Iboga-Extrakt
in Verbindung mit dem einen oder anderen Amphetamin anwandte. Meine allgemeinen
Angaben stützten sich zudem auf eine breite Skala nicht dokumentierter
Erfahrungen, die mir zu statistischen Zwecken dienten. Teils handelte
es sich dabei um Erfahrungen mit weiteren Patienten, teils um Informationsmaterial
aus medizinischen Konferenzen mit meinen Kollegen an der Universität
von Chile. Die Anzahl der in meiner Gegenwart durchgeführten Behandlungen
oder von solchen, deren Verlauf mir indirekt bekannt wurde, beträgt
annähernd einhundert.
Was die physischen Wirkungen betrifft, verursachen weder Ibogaine noch
Harmala-Alkaloide eine Pupillenerweiterung oder ein Ansteigen des Blutdrucks,
wie bei den LSD-ähnlichen Halluzinogenen oder den Amphetaminderivaten
MDA und MMDA der Fall. Auch ähnelt das Ibogain dem Harmalin insofern,
als es öfter als alle anderen psychoaktiven Chemikalien, Alkohol
ausgenommen, Gleichgewichtsstörungen und Erbrechen hervorruft.
Angesichts des häufigen Auftretens dieser Symptome ist es ratsam,
dem Patienten die Droge bei leerem Magen zu verabreichen und bei der ersten
Sitzung nicht mehr als 4 mg per Kilo Körpergewicht. Meiner Meinung
nach liegt die ideale Dosierung zwischen 3 und 5 mg per Kilo, je nachdem,
wie der einzelne individuell auf die Droge anspricht. Wird die Dosis oral
in einer Gelatinekapsel eingenommen, zeigen sich die Symptome etwa nach
fünfundvierzig bis sechzig Minuten. Sie kann acht bis zwölf
Stunden anhalten, und manche Patienten berichteten von subjektiven Nachwirkungen,
die sie sogar noch nach vierundzwanzig Stunden (20 Prozent), sechsunddreißig
Stunden (15 Prozent) oder noch länger (5 Prozent) spürten. Doch
selbst in diesem Fall befindet sich der Patient gewöhnlich sechs
bis acht Stunden nach Einsetzen der Drogenwirkung wieder in seinem Normalzustand.
In der Mehrzahl beendete ich die Sitzung nach sieben Stunden oder schon
eher und ließ den Patienten in entsprechender Gesellschaft zurück.
Zur Verhütung von Übelkeit kann auch Dramamin Benutzt werden,
entweder bei der ersten Sitzung oder auch später, wenn man weiß,
dass der Betreffende mit Erbrechen reagiert.
Eine bequeme Couch oder ein Bett sind als Rahmen für die Behandlung
unentbehrlich, denn die Mehrzahl der Patienten möchte während
der ersten Stunden oder gar die längste Zeit der Sitzung liegen,
weil ihnen übel wird, wenn sie auf sind oder sich bewegen. Andere
hingegen empfinden irgendwann in der Sitzung das Verlangen, sich zu bewegen
oder gar zu tanzen (35 Prozent nach meinen Daten), und dies kann sich
als signifikanten Aspekt ihrer Erfahrung erweisen, - worauf ich später
eingehen werde. Aus diesem Grunde ist es wünschenswert, dass ein
gewisses Maß an Raum zur Verfügung steht.
Dringt man in den subjektiven Bereich vor, entdeckt man einige Ähnlichkeiten
zwischen den jeweils mit Ibogain und Harmalin hervorgerufenen Erfahrungsinhalten,
obgleich andererseits auch gerade hier das Spezifische einer jeden Erfahrung
am deutlichsten in Erschienung tritt. Allgemein lässt sich sagen,
dass in den von beiden erzeugten Wachträumen archetypische Inhalte
und Tiere an häufigsten vorkommen, während die Handlungsvorgänge
sich oft durch zerstörerische oder sexuelle Elemente kennzeichnen.
Trotz der Ähnlichkeit der Wirkung von Ibogain und Harmalin gibt es
bei der ersteren gewisse Besonderheiten, die ihr in der Psychotherapie
einen eigenen Platz einräumen. Ibogain ruft weniger visuell-symbolische
Erfahrungen hervor als Harmalin. Bei keiner anderen Droge habe ich so
häufig Wutausbrüche erlebt, wie unter der Wirkung von Ibogain.
Auch bei Harmalin-Erfahrungen ist Aggression ein häufiges Thema,
doch dort findet sie nur in visuellen Symbolen Ausdruck. TMA, das angeblich
Feindseligkeit auslöst, kennzeichnet sich nach neiner Erfahrung eher
durch einen wahnhaften zustand, wobei sich die Feindseligkeit mehr in
paranoidem Denken als in tatsächlichen Empfindungen äußert.
Bei Ibogain wird der Zorn nicht auf di gegenwärtige Situation des
Patienten projiziert (übertragen in psychoanalytischen Sinn, würde
ich sagen), vielmehr auf Personen oder Situationen der Vergangenheit,
und zwar auf die Person, durch den er ursprünglich erregt wurde.
Dies steht im Einklang mit der allgemeinen Tendenz des unter Ibogaine
stehenden Analysanden , sich in Reminiszenzen und Fantasien seiner Kinderzeit
zu ergeben.
Das häufige Auftreten von Tieren, Primitiven, sexuellen Themen und
Aggression in der Ibogain- und Harmalin-Erfahrung dürfte zu dem Schluss
berechtigen, dass diese Drogen speziell die triebhafte Seite der Psyche
angehen. Daß hier hauptsächlich das "Tier im Menschen"
angesprochen wird, steht in krassem Gegensatz zu der Wirkung der luftigen
oder ätherischen "Psychedelica", die den Analysanden mit
dem "Gott im Menschen" oder den "Teufel im Menschen"
in Berührung bringt, desgleichen zu den ganz auf das Innenleben gerichteten
Drogen wie MDA und MMDA, die den Analysanden dazu bewegen, sich auf sein
individuelles Sein und auf seine Beziehungen zu seinem Mitmenschen zu
konzentrieren.
Von qualitativen Unterschieden der Ibogaine-Erfahrung abgesehen, gibt
es auch inhaltliche: Ihr Inhalt ist weniger rein archetypischer Natur,
sondern spielt sich mehr in der Kindheit der betreffenden Person ab, wobei
gewisse Themen für den durch das Alkaloid ausgelösten inneren
Zustand typisch zu sein scheinen, vor allem Symbolbilder wie Brunnen,
Röhren und Sumpftiere. Der Leser wird sich von dieser Besonderheit
anhand der Fallbeispiele auf den folgenden Seiten selbst ein Bild machen.
Das erste Fallbeispiel, das ich hier vorlege, beschränkt sich auf
die Beschreibung einer Sitzung. Die Vielfalt der auftauchenden Episoden
kann als gedrängtes Panorama der möglichen Wirkungsarten betrachtet
werden und der Erörterung ihrer Zweckmäßigkeit für
die Psychotherapie dienen.
Es handelte sich um den Fall eines jungen Arztes, der selbst Psychiater
werden wollte, sein Interesse an einer therapeutischen Begegnung mit der
Droge war auf das Empfinden zurückzuführen ,dass es ihm an echtem
Kontakt mit seinen Mitmenschen mangele und er an seinem Liebesleben, seiner
Arbeit oder seinem Tun im allgemeinen innerlich nicht recht beteiligt
sei. "Ich habe das Gefühl, dass ich vieles nur automatisch tue,
und dass was ich tue, keinen Wert hat", sagte er. "Der Kontakt
mit anderen müsste von Wesensmitte zu Wesensmitte bestehen."
Um sich für die Ibogain-Sitzung vorzubereiten, hatte er an vier Gestalttherapie-Sitzungen
teilgenommen und wie gefordert, seine Lebensgeschichte niedergeschrieben.
Fünfundvierzig Minuten nach Einnahme der Droge meldete er das Eintreten
einer tiefen Entspannung und äußerte den Wunsch, sich auf der
Couch auszustrecken, ER legte sich nieder, faltete Arme und Beine übereinander,
schloss die Augen und lauschte der Musik einer Platte, die er selbst mitgebracht
hatte. Jeder Ton der Musik schien ihm von einer Reinheit und Eindringlichkeit,
wie er es noch nie zuvor wahrgenommen habe.
Als er die Augen öffnete, war er überwältigt von der Schönheit
und dem Detailreichtum der Gegenstände im Raum, die ihm ebenfalls
ganz neu erschienen. Dann sah er sich die Fotos in dem Band Family of
Man an, der neben seiner Couch lag; er gewann dabei tiefe Einsicht in
die Bedeutung des Dargestellten wie auch in seine eigenen Einstellungen
dazu. Dann verlangte es ihn, sich erneut hinzulegen, und als er die Augen
schloß, verfiel er in einen Wachtraum: Er sah seinen Vater Gesichter
schneiden, wie im Spiel, und heiter dabei lächeln. Sein Kommentar:
So müsse ihm sein Vater erschienen sein, als er ein kleiner Junge
war. Dann aber änderte sich der Ausdruck seines Vaters: Sein Gesicht
war plötzlich von Wut verzerrt. Jetzt erschien eine nackte Frau mit
runden Hüften, die ihr Gesicht mit ihren Armen verbarg, und dann
fiel sein Vater, ebenfalls nackt, über sie her, um in sie einzudringen.
Er spürte, wie die Frau, die er nun als seine Mutter identifizierte,
ihre Wut unterdrückte.
Diese Sequenz wählte ich als Ausgangspunkt und forderte den Analysanden
auf, die beiden miteinander sprechen zulassen. Dies ist ein Mittel, um
dem Patienten den latenten Inhalt der Bilder bewusst zu machen. "Was
sagt sie?" - "Geh weg!" - "Was empfindet er?"
Das konnte der Analysand nicht imaginieren. "Wahrscheinlich ist er
verblüfft", meinte er. Dies war der rechte Augenblick, einen
weiteren Schritt in der gleichen Richtung zu tun, das heißt, er
sollte nun dieses Traumbild zur Entfaltung bringen und seine komprimierte
Bedeutung in den Bereich des Fühlens und des Handelns übertragen.
"Seien Sie jetzt Ihr Vater", sagte ich. "Verwandeln Sie
sich mit al Ihrem schauspielerischen Vermögen in Ihren Vater und
lauschen Sie, was Ihre Mutter zu ihm gesagt hat. "Jetzt fühlte
er sich imstande, seinen Vater zu personifizieren: Er war nich "verblüfft",
sondern empfand tiefen Kummer und Zorn über ihre Zurückweisung.
Am Tage darauf schrieb er nieder:
"Ich sehe meine Mutter als hart, ohne jede Zuneigung und voller Ängste,
und ich sehe in meinem Vater nicht mehr jenen gefühlslosen Menschen,
der ihr mit seinen Liebesaffären weh tut, sondern jenen Mann, der
das Tor zu ihrer Liebe vergebens zu öffnen versuchte. Dennoch habe
ich Mitleid mit meiner Mutter"
Es folgte nun ein seltsamer Wachtraum: Er selbst wird von einem Löwen
beleckt, der sich in eine Löwin verwandelt, die ihm die Genitalien
abbeißt und ihn als leblose Puppe zurücklässt. An diesem
Punkt erhob er sich von der Couch, wanderte umher, gingin den Garten,
wo alles für ihn aussah, "als hätte es zuvor nicht existiert".
Er kehrte ins Zimmer zurück, legte STRAWINSKIS Sacre du printemps
auf, und schon bei den ersten Klängen verspürte er den Drang,
sich im Rhythmus der Musik zu bewegen.
Und so hat er die Drogenerfahrung später beschrieben:
"Nach und nach ergab ich mich dem Rhythmus der Musik und begann,
wie ein Besessener zu tanzen . Ich fühlte mich ausgeglichen, expressiv,
und was das Wichtigste war, ich fühlte mich als ich selbst. Doch
einmal blickte ich zufällig in den Spiegel und sah, dass meine Hände
sich auf eine konventionelle, nicht von der Musik inspirierte Weise bewegten,
ich ärgerte mich darüber. Als die eine Seite der Platte zu Ende
war, drehte ich sie um und tanzte weiter. Ich spürte keine Müdigkeit,
und die Bewegung machte mir große Freude."
Nun schlug ich ihm vor, einen Traum durchzuarbeiten, den ich hier allerdings
nicht wiedergebe, obwohl er für den Analysanden insofern von Wichtigkeit
war, als er sein Selbstwertgefühl stärkte. Nach diesem Traum
betrachtete er die Familiefotos, die er mitgebracht hatte, was dazu beitrug,
sein Verhältnis zu Vater und Mutter zu klären. Vier Stunden
nach Auftreten der ersten Symptome merkte er, dass die Ibogain - Wirkung
weitgehend abgeklungen war. Er unterhielt sich mit ein paar Freunden,
die mal hereinschauten. "Manche Gesichter erschienen mir sehr sch
und ausdrucksvoll", berichtete er später. "Andere empfand
ich als abweisend, ängstlich, sie zeigten ihre Schönheit nicht,
sondern verbergen sie hinter Angst." Die Wahrnehmung, dass die meisten
Menschen Masken trügen, wie er es ausdrückte, verfolgte ihn
noch den ganzen nächsten Tag.
Nach der Sitzung spürte der Proband, dass die Drogenerfahrung in
mehrfacher Hinsicht ergiebig für ihn gewesen war. Einen Monat darauf
glaubte er auf verschiedenen Gebieten eine Besserung zu verspüren.
In seiner Niederschrift heißt es:
"Schärfe der Wahrnehmung, Enthüllung des Wahren und Echten:
Die Erkenntnis, dass es unrechte und unvollkommene Dinge in der Welt gibt,
vernunftwidriges menschliches Verhalten, nur halb vollendete Werke...Ich
spüre jetzt das Bedürfnis, darüber hinaus zu gelangen.
Und so bejahe ich Aggression deshalb, weil sie ein Mittel zu diesem Zweck
ist."
An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass der Proband, der
trotz seines Wunsches nach Drogenerfahrung ein zufriedener, unbeschwerter,
passiver Viscerotoniker war, nunmehr weit zielstrebiger, aktiver und entschlossener
wurde.
Ein weiterer Gewinn seiner Erfahrung, berichtete er, bestand in der Klärung
seiner familialen Beziehungen. Ersah jetzt seine Eltern, wie sie wirklich
waren; und er begriff, wie "kastrierend" das Verhältnis
zu seiner Mutter gewesen war.
Ein dritter Gewinn bestand für ihn in der Entdeckung des Körpergefühls,
der Erfahrung, dass sein Körper ein Ausdrucksmittel war, was ihm
beim Tanzen bewusst wurde. "Die Erfahrung war mir sehr wichtig",
sagte er, "dass ich Bewegungen mache, die mir nicht eigen sind, sondern
entlehnt, zweckgerichtet - nicht Äußerungen meines innersten
Seins. "Die Fähigkeit de Unterscheidung zwischen dem, was seinem
"inneren Sein" entspricht und dem, was ihm nicht wirklich entspricht,
scheint auf der gleichen Bewusstseinsebene zum Durchbruch gekommen zu
sein, die ihn zwischen echt und unecht in anderen Bereichen unterscheiden
lässt, und ist die Quelle seines neuen Verlangens nach größerer
Erlebnistiefe, Aktivität und vertieften menschlichen Beziehungen.
Sie ist es vermutlich auch, der ein anderer Erkenntnisfortschritt zu verdanken
war: "...dass die Menschen deshalb Masken tragen , weil sie ihre
Ängste dahinter verbergen."
Gleichzeitig ging ihm zu guter Letzt auf, dass sein vermeintlicher Mangel
an Religiosität und all seine religiösen Schwierigkeiten lediglich
imaginär waren.
Hier muss hinzugefügt werden, dass unser Proband - ein frommer und
ziemlich bekehrungseifriger Katholik - eine Klosterschule besucht hatte
und mehreren kirchlichen Organisationen angehörte. Menschen, die
ihn näher kannten - und auch mir- erschien seine Religiosität
etwas konventionell. Bei diesen "religiös" etikettierten
Problemen ging es vorwiegend um die Entscheidung, wie weit und in welcher
From die Autorität der Kirche zu respektieren sei. Bemerkenswert
war indes in diesem Fall, dass ihm nicht bei der Kontemplation seiner
Lebensprobleme die Erleuchtung kam, nämlich dass religiöse Überlegungen
dieser Art und di eigentliche religiöse Erfahrung zwei ganz verschiedene
Ding sind, sondern bei der Betrachtung der Bilder in ‚The Family
of Man': Auf einem der Fotos war ein in tiefste Andacht versunkener buddhistischer
Mönch zu sehen, auf einem anderen daneben ein Mann, der in götzendienerischer
Ehrfurcht vor einem kirchlichen Würdeträger kniete.
Die hier nur gekürzt wiedergegebene Sitzung erbrachte eine ganze
Reihe von erhellenden , therapeutisch ergiebigen Situationen: Entspannung,
Tanz, Kontemplierung von Gegenständen, Fotos und Personen, Ausagieren
von Traumfantasien, Traumverarbeitung und gesteuerter Wachtraum - alle
als mögliche Wege zur Selbstentfaltung, zur Selbsterfahrung sowie
auch zu komplizierteren psychotherapeutischen Verfahrensweisen. In diesem
speziellen fall darf man das Fazit ziehen, dass der durchlaufende Prozess
der Selbsterfahrung, der Selbstfindung , des Selbstausdrucks der Kontaktfähigkeit
zur Umwelt zum Vorteil gereichte. Das elementare Erleben des Tanzes hatte
für ihn in der Entdeckung des eigenen Stils, der eigenen Bewegung
bestanden, und zur Entdeckung der Wahrheit der Dinge wurde er durch die
Betrachtung äußerer Objekte und Personen mit eigenen Augen
geführt, deren Funktion er in gewisser Hinsicht hatte brachliegen
lassen. Seine Traumvisionen indes waren von anderer Erfahrungsqualität
gewesen. Die Sex-Szene, als seine Mutter seinen Vater abweist, oder die
Kastration durch die Löwin und ebenso eine weitere, der Kürze
zuliebe nicht angeführte Traumsequenz waren mehr Ausdruck seiner
Psychopathologie als seines Normalzustandes, mehr der aufgesplitterten
Persönlichkeit als seines "Selbst". Während das Leben,
wenn es in seinem natürlichen Rhythmus dahinfließt, der beste
Psychotherapeut sein kann, trifft dies stets nicht zu , wenn die Sub-Egos
der Person in Konflikt geraten. Hier sieht sich der Psychotherapeut erst
wirklich gefordert. Hier ist es seine Aufgabe - wie bei den Shamanen der
Eskimos- verlorengegangene Seelen wieder zu finden. Dementsprechend werden
es die dunkleren Seiten der Ibogaine-Erfahrung sein, von dem der größte
Teil dieses Kapitels handelt.
Ehe wir und indes in diesen Bereich begeben, müssen wir uns mit der
charakteristischeren Form der visionären Erfahrung bei Ibogaine befassen,
- genau jener Art von Erfahrung, die der Proband unseres Beispiels nicht
an den Tag legte. Während sich in seinem Fall, vermutlich aufgrund
seiner extrovertierten Natur, die visionäre Erfahrung in seinem Verhältnis
zur Umwelt niederschlug, reflektiert sie sich in anderen Fällen in
der Innenwelt durch das Medium der Imagination, deren symbolische Bilder
oft von überwältigender Schönheit sind oder halbverschleiert
den Inhaltsreichtum des Mythenhaften aufweisen. Hier bewegen wir uns im
Bereich der archetypischen Erfahrung - im gebräuchlicheren Sinn des
Begriffs Archetypus, wobei das Schwergewicht auf der visuellen Darstellung
liegt- , wiewohl ich zumal nach meinen Experimenten mit Ibogain der Meinung
bin, dass das visuelle Symbol nicht die archetypische Essenz wiedergibt,
sondern diese sich in der vermittelten Erfahrung niederschlägt, die
ebenso in motorischer Bewegung Ausdruck finden kann ( Tanz, Ritual) wie
auch in Projektion auf die Wahrnehmung der Außenwelt - wie bei unserem
Patienten der Fall. Er sah die Dinge plötzlich neu, "als hätten
sie zuvor nicht existiert", und war nun imstande, hinter die Masken
der anderen zu blicken und mit deren wahren Selbst in Kommunikation zu
treten und bei der Betrachtung der Fotos in der jeweiligen Geste ein Symbol
beziehungsweise die Verkörperung einer transzendenten Intention oder
aber im Gegenteil die absolute Bedeutungslosigkeit einer Geste zu erkennen,
Wie weit man hier von archtypischer Wahrnehmung - im üblichen Sinn
des Wortes - oder von archetypischer Bewegung oder Aussage, oder archetypischem
Denken oder auch von archetypischer Iagination sprechen kann oder nicht,
muß man doch gerade letztere als gesonderten psychologischen Prozess,
als Teil einer nur flüchtigen oder auch länger andauernden Erfahrung
während der Sitzung betrachten, die etwa die Hälfte aller mit
Ibogain behandelten Personen erlebte. Ich bringe hier Ausschnitte aus
einer Aufzeichnung einer solchen Erfahrung:
"Ich sehe Blau, blau, blau. Ich sitze auf dem Boden, den Körper
aufgerichtet. Mühelos kann ich mich im Sitzen rundum drehen. Alles
ist blau...blau...Alles ist schön. Ich strecke meinen Arm aus und
ziehen im Drehen eine Kreis um mich. Ich sitze immer noch auf dem Boden
und ziehe einen weißen Kreis um mich inmitten dieser Türkisblauen
Atmosphäre, in der ich schwebe. Dann ziehe ich mit der Hand einen
kleineren weißen Kreis und blicke aufwärts dabei. Ich bin völlig
eingehüllt in diese blaue Atmosphäre, in der ich ringsum einen
weißen Kreis entdecke und einen kleineren darüber...Auch Weiß.
Diese Atmosphäre ist dicht. Ich versuch e, durch meinen oberen Kreis
zu blicken...ein Periskop? Was sehe ich dort? Ein klares licht leuchtet
auf in dieser dichten blauen Atmosphäre. Es wird ein Lichtstrahl
daraus. Ich blicke druch meinen weißen Kreis, schaue, mehr Licht
fällt in die Röhre, mehr weißes Licht, mehr und mehr,
mit blendender Gewalt, und immer noch mehr. Immer mehr, ich blicke durch
den weißen Lichtstrahl hindurch und weiß, dass Er dort ist,
Er, und...jenes Licht, jene Röhre. Jener ungeheure weiße Strahl
ist jenseits blau, blau, Blau! Und es ist ein anderes Blau als das erste,
ein reines, lichtes Blau, transparent, ewig, endlos, seren, aufwärtssteigend,
das ist das All! Weiß-blau, das ist körperlose Ferne, unermessliche
ungeheure Größe. Über jedes Gesetz erhabenes Universum.
Ds war Gott. Gott. Gott.
Es kam ganz überraschend. Ich weinte. Ich weinte auch jetzt noch
und jedes Mal, wenn ich mich daran erinnere. Ich ziehe mich in mich selbst
zurück, um daran zu denken und zu weinen.
Wieder im Nichts. Ich fühle die Fülle in der Entspannung, wie
nach einem großen Schmerz. Ich bin wieder auf dem Boden und he die
schnellen Rhythmen der Radiomusik. Jetzt ist es mein Leib, der reagiert,
nicht meine Seele oder mein Geist. Ich fühle, dass ich ein Hündchen
bin. Ich bin von anderen Hündchen umgeben und spiele mit ihnen. Ich
höre ihre drolliges Bellen, dann glaube ich, ich bin eine Katze...
nein! Ich bin ein Pony! Ich galoppiere. Nun bin ich so etwas wie ein Tiger...wie...Ich
bin ein Panther! Ein schwarzer Panther! Ich verteidige mich, ich richte
mich auf. Ich schnaufe mächtig, mit dem Atem eines Panthers, Raubtieratem!
Ich bewege mich wie ein Panther, meine Augen sind die eines Panthers,
ich sehe die Haare meines Schnurrbartes. Ich brülle und ich beiße.
Ich reagiere wie ein Panther: Angriff ist die beste Verteidigung.
Jetzt he ich Trommeln, ich tanze. Meine Gelenke sind Verzahnungen, Scharniere,
Naben. Ich kann ein Knie sein, ein Bolzen, kann irgend etwas, ja fast
alles. Und kann mich wieder verlieren in diesem Chaos des Nichtseins und
der Wahrnehmung vager, abstrakter Ideen sich wandelnder Form, wo es eine
Eingebung der Wahrheit aller Dinge und eine Ordnung gibt, die zu entdecken
man sich erste anschickt!"
Und gegen Ende der Sitzung , vier Stunden später:
"Wieder Nichtheit, Müdigkeit. Ich knie auf dem Boden, meine
Hände auf dem Läufer, lasse den Kopf hängen. Ich fühle
die Welle zurückkommen, Schwindel ergreift mich, ich presse mich
gegen den Boden...Ich bin auf einem Deckel...ein großes Rad, das
zugleich ein Deckel ist, den ich öffnen muß! Ich mühe
mich bis an die Grenzen meiner Kraft, um es zu drehen, greife in die Speichen,
Der Deckel dreht sich. Plötzlich befinde ich mich unter ihm, auf
einem großen Rad mit Speichen und Zweigchenräumen. Es hat in
der Mitte eine dicke Achse, die es mit dem Deckel zu verbinden scheint
und unter dem Rad, auf dem ich jetzt sitze, noch weiter geht. Wie bin
ich hier heruntergefallen? Ich kann es mir nicht erklären. Ich merkte
es nicht als ich fiel...Hier muß ich heraus...Muß raus! Nach
oben ist es unmöglich, es kann nur nach unten. Jenseits der Stangen
herrscht tiefe Finsternis. Vielleicht werde ich jene Röhre der Leerheit
herunterfallen...Es macht nichts...ich muß hier raus, fort von diesem
Rad, das in diesem Tunnel ohne Wände hängt. Vielleicht mit Hilfe
des Mechanismus der Achse...ich weiß, dass sich dieses Rad nach
oben oder nach untern verschieben lässt. Verzweifelt taste ich den
Mechanismus ab. Ich höre den Arzt zu mir sagen: "Seien Sie selbst
die Achse!" Überraschung. Ich beginne mich wie eine Achse zu
fühlen. Stählern, hart, drehe mich, drehe mich, drehe mich mit
Geräusch. Ich bin die Achse, Stunde um Stunde...Ich hab keine Zeit
mehr, eine Achse zu sein. Ich drehe mich mit Geräusch. Ich drehe
mich, drehe mich, drehe...Ich spüre, dass ich meine drehende Achse
rechts anhebe, langsam steige ich an die Grenzen der Dehnbarkeit - immer
noch Achse. Dann greift meine Hand nach vorn, Ich habe einen Dolch in
der Hand und will töten! Ich werde töten! Ich tue einen Schritt
vorwärts um zu töten. Ich bin im Begriff, eine...eine...eine...Mumie
zu töten! Wie entsetzlich das ist! Es ist der mumifizierte Leichnam
einer Frau, vertrocknet, mit einer braunen ledrigen Haut, und sie hat
eine Binde über den Augen! Und sie lächelt, zugleich grausig
und süß, als hätte sie liebliche Träume oder lausche
ironisch, e3as vor sich geht. Zweimal stoße ich den Dolch tief in
sie hinein. Es fühlt sich an als ob Leder zerreißt. Ich komme
mir gemein vor, verrückt..."
Diese Ausschnitte dürften genügen, um ein paar typische Ibogain-Motive
zu verdeutlichen: Licht (vornehmlich weißes und blaues), Tiere (speziell
Raubtiere), rotierende Bewegungen, kreisrunde Formen sowie auch die Röhre.
Diese scheint sich in unserem Beispiel mit Dunkelheit, Abwärtsbewegung
und dem Eingeschlossensein zu einem Komplex zu verbinden, der in polarem
Gegensatz steht zu jenem weißen Lichtstrahl und dem zu Anfang empfundenen
Freiheitsgefühl. Später werde ich in diesem Kapitel noch eingehender
darstellen, inwiefern das Sinnbild der Röhre in Ibogaine- Sitzungen
eine wichtige Rolle spielt, und hätte ich damals schon mehr Erfahrung
gehabt, hätte ich den Abstieg des Patienten - den er ja schon vor
sich sah - abgewartet und ihn sogar dazu ermutigt, sich in das Dunkel
herabsinken zu lassen. Doch auch das Ende dieser Episode- der plötzliche
aggressive ausbruch zum Schluß - ist ein für die Ibogaine-
Erfahrung nahezu typischer Zug, den ich als ein Zeichen partiellen Durchbruchs
werte. Solche Ausbrüche stehen in polarem Gegensatz zu jenem Gefühle
des Eingeschlossenseins, das sich im vorangegangenen Bild ausgedrückt
hatte. Ähnliches habe ich auch in anderen Fällen vor dem Auftreten
aggressiver Anwandlungen beobachtet: entweder in rein bildlicher Form
oder aber als Gefühl schwerer Hemmung und Unfreiheit oder als Apathie
oder als rein körperliche Empfindungen des Eingeschlossenseins oder
Gebremstwerdens. Ich sehe darin eine Wendung nach Innen , eine Lähmung
des aggressiven Potentials der Persönlichkeit, das, in natura an
einem Außenziel abreagiert, ein Gefühl der Erleichterung, Freiheit
und Macht gewährt hätte. In unserem Fall ist der Patient alles
andere als erleichtert, sein Schuldgefühl wegen des Messerstechens
war im Grunde ein Zurückweichen. Er vermochte der Präsenz des
Weichlichen in seiner Innenwelt noch immer nicht unbefangen entgegenzutreten.
Man mag sich fragen, welche Bedeutung eine solche a-personale Erfahrung
für die Therapie haben könnte, und in welcher Form sie sich
auf das Verhalten der betreffenden Person im täglichen Leben auswirken
wird. Für den Analysanden gab es keinen Zweifel:
"Auch weiterhin konnte ich im täglichen Leben feststellen: Wie
ich auch sagen mochte, stets hatte es Transzendenz, simple und echte Realität,
die es sogar heute noch für ich hat und auch morgen noch haben wird.
Ich reagierte auf die Dinge anders als sonst, mehr...emotional? Nein,
rein sensitiv. Ich äußerte mich nicht mehr so vage, sondern
präzise, und traf weise Entscheidungen."
Diese erste Resonanz nach der Sitzung darf als Übertragung archtypischer
Wahrnehmungsweise ins tägliche Leben verstanden werden - nicht als
Halluzinieren im buchstäblichen Sinn, sondern als Umkehrung dieses
Prozesses: Alltägliche Worte und Handlungen erhalten eine universalere
Bedeutung. Selbst nach fünf Monaten hatte der Analysand noch deutlich
das Empfinden, als urteile er nicht nur in ästhetischen, sondern
auch in alltäglicheren und persönlichen Angelegenheiten "ganzheitlicher"
als zuvor.
Darüber hinaus hatte sich die Sitzung auch auf seine Gemütsverfassung
ausgewirkt, die er als "spirituell gelassen" registrierte. Sonst
hatte er sich stets zeitlich bedrängt gefühlt und war ängstlich
auf richtige Einteilung seiner Zeit und Mühe bedacht gewesen ;jetzt
ist von einem "Gefühl tiefen Friedens" die Rede "angesichts
der Gewissheit, dass die ganze Welt, deren Teil aber auch Beobachter ich
bin, experientiell in mir ist und nicht etwas räumlich Getrenntes
oder Rätselhaftes".
Im Gefolge seiner vertieften Introspektion, die sich in vermehrter Empathie
auswirkte, änderten sich auch seine Umweltbeziehungen, Vier Monate
nach der Sitzung heißt es bei ihm:
"Ich sah, dass ich aus vielen Teilen bestand, und zu jedem gehörte
ein kleines Ganzes. Und ich sah, dass es bei den anderen ebenso war. In
jenen Tagen war mein Kontakt zu andere Menschen dermaßen intensiv!
In der Einstellung anderer zu dem, was sie interessierte, erkannte ich
die eigene wieder. Ich identifizierte mich nicht restlos mit ihr, doch
ich verstand sie von meinem Innern her."
Ich habe nicht erlebt, dass seine Erfahrung archetypischen Inhalts notwendigerweise
gerade diese Konsequenzen nach sich ziehen muß. Sowohl Ibogaine
als auch Harmalin können mythenhafte, traumartige Sequenzen auslösen,
die mit geringer emotioneller Beteiligung kontempliert werden, und dabei
kommt nicht viel mehr heraus, als hätte man dem Patienten den Inhalt
als Film vorgeführt. Indes unterschied sich die eben beschriebene
Erfahrung von einer passiven Filmrezeption insofern, als der Analysand
an den verschiedenen Szenen lebhaften Anteil nahm. Er nahm das Licht wahr,
er war es , der sich in Tiere oder Apparaturen verwandelte, und während
er sich auf den runden Deckel setzte und ihn zu öffenen versuchte,
presste er auch in Wirklichkeit seine Hände auf den Boden. Er erfuhr
sich nicht nur als Agierender, sondern auch als Reagierender.
Wie der Genuß eines Kunstwerks nicht nur auf sinnlicher Wahrnehmung
beruht, sondern auch ein gewisses Maß an Einfühlung voraussetzt,
und ein Roman für uns belanglos wäre, könnten wir uns nicht
in seine Charaktere hineinversetzten oder sie als Agierende auf unserer
inneren Bühne sehen, so ist es auch mit der Produktion von Wachträumen.
Ob sie einer Person ganz uninteressant oder als sinnloses Hirngespinst
erscheinen, wird ganz allgemein von ihrem Verhältnis zum eigenen
Unterbewusstsein abhängen wie auch vom Vorgehen des Therapeuten während
der Sitzung. Doch bin ich der Meinung, dass der Analysand auch hier zu
gewissem Grade pharmakologisch gesteuert werden kann: Diesen Punkt, nämlich
die Frage der Kombination von Ibogain mit gefühlssteigernden Drogen,
werde ich später erörtern.
Im Kommentar des Patienten heißt es weiter, die Sitzung sei in Anbetracht
seiner romantischen Erwartungen für ihn überraschend verlaufen:
Statt der Erfahrung der Integration in die "kosmische Ordnugn oder
die Rasse" oder des "Einfachen, Ursprünglichen, Elementaren
und Tellurischen", kurz des Mysteriums, mit der er gerechnet hatte,
habe er "eine eigene Welt" angetroffen.
"die zu gewissem Grade mit meinen gesamten Lebenserfahrungen koinzidieren
mag, die freilich nicht so zahlreich sind, wie mir lieb gewesen wäre,
doch immerhin meine sind. Ja. Es war eine Mischung aus Ernüchterung
und Wunder. Ein Wunder. Die blaue Blume, die blüht bei dir in deinem
Haus."
Dies halte ich für eine signifikante Aussage, da sie uns etwas über
eine Erfahrung berichtet, die buchstäblich keinerlei personalen Inhalt
hatte. Diese Feststellung steht nun scheinbar zu der des Patienten im
Widerspruch, der ja für sich in Anspruch nahm, den Reichtum seiner
eigenen Welt entdeckt zu haben. Wir dürfen es anders ausdrücken
und sagen, das einzige personale Element war die Erfahrung seiner selbst
als dem Sammelbecken all seiner Gefühle und als Urheber seiner Vorstellung
und damit auch seines Handelns. Doch waren es nicht die Empfindungen,
Vorstellungen und Handlungen seines bewussten Lebens. Dem Beobachter wären
seine Bewegungen eher ritualisiert vorgekommen denn als praxisbezogen,
und ebenso bewegten sich seine Empfindungen im Bereich des Religiösen
oder Ästhetischen und sein Imaginieren sich im Bereich des Mythischen,
nicht des Persönlichen, und während diese Erfahrung zu jener
Zeit von besonderem innerem Wert für ihn war, hatte sie eine Steigerung
der ästhetischen, religiösen und mythischen Obertöne in
der Realität des Alltäglichen, kurz, vermehrte Inspiration im
Gefolge, was ihm ein Gefühl tiefster Befriedigung gewährte.
Erst gegen Ende der Sitzung, während der letzten oben zitierten Sequenz,
wird der Konflikt sichtbar, und hinter dem Schleier der symbolischen Mordszene
vermögen wir etwas von seiner persönlichen Wirklichkeit zu spüren.
Daß sie die letzte Episode des Traumgeschehens war, lässt darauf
schließen, dass noch mehr persönliches und psychopathologisches
Material hätte zutage gefördert werden können, aber leider
verdrängt wurde; und von diesem wissen wir nichts. Ich aber weiß
- aus anderen Fällen - , dass eine visionäre Erfahrung nicht
notwendigerweise die Transzendierung eines dauernden menschlichen Konflikts
einbegreifen muß. Sie kann auch lediglich erkennen lassen, dass
dieser nicht aus der realen oder imaginären Situation herrührt,
auf die sich die Aufmerksamkeit des Probanden richtet.
Ich denke, es könnte in diesem Zusammenhang dienlich sein, die visuelle
Erfahrung nicht nur auf ihre Qualität, sondern auch auf ihre Vollständigkeit
hin zu untersuchen. Außer den von mir erwähnten archetypischen
visuellen Erfarungen, die insofern nicht vollkommen gelungen waren, weil
der Patient sich von den (symbolischen) Vorgängen nicht betroffen
fühlte, gibt es auch andere, bei denen das motorische Element mit
nur geringen ideativen Beimengungen dominiert, oder - bei Anwendung zusätzlicher
Drogen - die Empfindungen nicht mit der Handlung oder deren Deutung zusammenhängen.
Nach meiner Meinung bestand die Unvollkommenheit in diesem Fall in mangelnder
Bezugsfähigkeit. Der extrovertierte Patient unseres vorigen Beispiels
erlebte Erfüllung im Umgang mit anderen Menschen ( sogar schon bein
Betrachte von Fotos) und Gegenständen, der introvertierte Patient
unseres letzten Beispiels hingegen brachte sich selbst am besten in Imagination
und Bewegung zum Ausdruck und nicht in der Wahrnehmung der Außenwelt
oder im Umgang mit ihr. Und selbst in seiner Imagination überwiegen
Elemente, Objekte und Tiere und nicht menschliche Wesen. Treten andere
Personen ( im Zitat ausgelassene) auf, erscheinen sie vage, fremd, halbmythisch
und haben praktisch keinen Zusammenhang mit dem Traumgeschehen, ausgenommen
am Schluß bei der Erdolchung der Mumie. Von nachträglichem
Zorn und Schuldgefühlen abgesehen, fehlt in diesem Fall jede zwischenmenschliche
Beziehung, wohingegen bei einer gelungenen visionären Erfahrung intensive
Liebes-, Schönheits- und Glücksgefühle empfunden werden.
Damals besaß ich in der Anwendung von Ibogain noch nicht die genügende
Erfahrung, um selbst initiativ zu werden und den Patienten zur Beziehungsherstellung
zu ermutigen um die (vermutlich) gemiedenen psychopathologischen Probleme
and Licht zu bringen. Später habe ich das jedoch stets in der Praxis
getan, und meiner Ansicht nach kann die Aufdeckung des Konflikts nicht
nur einen dauernden Wandel herbeiführen, sondern braucht auch in
keiner Weise von der visionären Erfahrung abzulenken.
Im nächsten Beispiel werden wir sehen, wie ein Zustand subjektiven
Glücksgefühls und relativer Integration durch Ablenkung der
Aufmerksamkeit - auf eine Konfliktsituation - unterbrochen werden kann;
der Patient wird mit schmerzlichen Erlebnissen konfrontiert, was noch
nachdrücklicher fortgesetzt wird, nachdem das Problem erfolgreich
ausgelebt wurde.
Es entstammt der Niederschrift einer dreiundzwanzigjährigen Frau
von anscheinend mildem, verhaltenem, aber unselbständigem Wesen,
die mich einesteils auf Wunsch ihres Mannes, zum anderen in der eigenen
Hoffnung konsultierte, ihre Gefühle und Gedanken besser äußern
zu lernen. Es war ihr bewusst geworden, dass ihre ehelichen Nöte
zum Teil ihren Kommunikationsschwierigkeiten zuzuschreiben waren. Gesprächen
mit ihrem Ehemann konnte ich entnehmen, dass ihr Zusammenleben eine Quelle
ständige Frustration gewesen sein musste. Dies ließ sie auch
in zwei Gesprächen, die der Ibogain-Sitzung vorausgingen, durchblicken
- nicht aus Mangel an Aufrichtigkeit, sondern, wie mir schien, in mangelndem
Bewusstsein für ihre Empfindungen.
Etwa in der dritten Stunde der Sitzung gelange sie in den angenehmen Zustand
des völligen Aufgehens in einer imaginierten Welt:
"Es schneite. Es war kein gewöhnlicher Schnee. Die Schneeflocken
waren weit größer, so dass man ihre Kristalle sah. Sie bestanden
aus sehr feinen Fasern, mit unregelmäßigen Rändern, und
waren mit unzähligen Diamanten bedeckt. Sie tanzten im Spiel. Inmitten
dieses Schneefestes sah ich mich selbst, nackt, eine schöne junge
Frau mit weißer Haut und langem blonden Haar. Ich tanzte mit den
Schneeflocken sozusagen um die Wette. Lachend rannte ich hinter ihnen
her, versuchte sie zu fangen, und wenn es mir gelang, presste ich sie
an mein Gesicht. Alles war überflutet mit goldenem Licht. Ich empfand
ein Gefühl unendlicher Freiheit und Freude. Tiefer Friede umfing
mich."
Dies Beispiel visionärer Erfahrung im Symbolbereich visueller Imagination
mag hier genügen. Das dominante Gefühl wie auch der Impulsgehalt
wird ( wie bei mit Ibogain herbeigeführter visionärer Erfahrung
häufig) durch die Bilder von Tanz und Licht vermittelt. Die Patientin
erkannte, dass sie es war, die dort tanzte, und genoß es, so voller
Leben, so schön und so frei zu sein. Dann empfand sie den Drang,
selbst zu tanzen und nicht lediglich den inneren Bildern zuzusehen. Doch
bezeichnenderweise war sie dazu nicht fähig. Es wurde ihr schlecht,
und sie legte sich wieder hin.
Aus meinen Erfahrungen mit der Droge meine ich, dass sie sich im Bereich
der Aktion vornehmlich der körperlichen Bewegung auswirkt. Ein Großteil
der Bilder (Tanz, Trommelschlag) lässt diesen Schluß zu, aber
auch Drogenerfahrungen, die mir höchst ergiebig zu sein schienen,
schlossen eine reelrechte körperliche Partizipation mit ein. (Hier
wäre zu erwähnen, dass in Gabon die Tänzer vor dem Tanz
Iboga-Wurzel genießen.)
Jedoch legt die rein visuelle Qualität der geschilderten Drogenerfahrung
sowie das plötzliche Unwohlsein, das sich einstellte, als sie versucht,
auch in Wirklichkeit zu tanzen, nahe, von einer "verkapselten"
visionären Erfahrung zu sprechen, weil sie sich nur in einem einzigen
Bereich auswirkt und nur durch Meidung bestimmter Empfindungen, Themen
oder Bewusstseinsbereiche ertragen werden konnte. Das soll nicht heißen,
dass diese Art der Erfahrung wertlos sei - im Gegenteil: Solches Ausweichen
kann strategisch zur Herbeiführung visionärer Erfahrung genutzt
werden und zwar mit Hilfe bestimmter Meditationstechniken, die auf Bewegungslosigkeit
und Stille des Denkens abzielen, ist jedoch erst einmal diese Höhere
Stufe der Empfindungen und Erkenntnisse erreicht, kommt es darauf an,
sie wieder auf die Erde zu holen und ins Handeln und Leben zu übertragen,
wobei die Bewältigung des Schrittes zum einfachen Körperbewusstsein
und zu den Körperfunktionen ein kritischer Punkt im Prozess zu sein
scheint. Mit Hilfe der Ibogain-Therapie habe ich mehrfach den Übergang
in einen höheren Zustand der Integration, begleitet von einem "Erinnern"
an den Körper und an seine Empfindungen, im Anschluss an eine Periode
völligen Aufgehens im Traum oder an einen plötzlichen Durchbruch
über die Bewegungskanäle erreicht. Und auch dieser Fall war
keine Ausnahme. In der Vermutung, dass die Unvollkommenheit der Erfahrung
dieser Patientin mit der Zurückhaltung ihrer Gefühle ihrem Mann
gegenüber in Zusammenhang standen, forderte ich sie auf, einen Traum
mit mir durchzuarbeiten, den sie allerdings am Tage zuvor gehabt hatte.
Ich gebe hier die Niederschrift der Patientin wieder:
"Ich tanze mit einem gutaussehenden kräftigen Mann. Da sah ich,
wie sich mein Mann in einen schlaffen, dicken Mann mit hängenden
roten Backen verwandelte und weibisch dabei lachte. Ich verließ
den Traum, um zu beschreiben, dass ich mich bei diesem entsetzlichen Anblick
abwandte und mit meinem Partner in den Nebenraum ging. Wir tanzten miteinander,
und später begleitete er ich nach Haus. An der Tür sagten wir
uns Lebewohl. Als ich das Wohnzimmer betrat, fand ich meinen Mann vor,
der noch genau so hässlich aussah wie zuvor. Zuerst schloß
ich mein in mein Zimmer ein, doch der Arzt wies mich an, ihm die Stirn
zu bieten, und ich erzählte ihm, wie hässlich und schwächlich
ich ihn fand.
Plötzlich entdeckte ich mich dabei, dass ich ein Kissen aufklopfte.
Das Kissen war mein Mann. Meine Hand flog nur so! Was für ein Vergnügen
ich dabei empfand, ihn zu schlagen! Ich schrie ihn an, beschimpfte ihn
und sagte ihm, wenn er sich nicht ändere, wolle ich ihn lieber nicht
mehr sehen.
Welche Erleichterung ich nach dem Schreien empfand! Ich fühlte mich
so frei danach. Ich war glücklich, weil ich wusste, dass ich das
Recht hatte, mich zu verteidigen, denn ich selbst war auch etwas wert.
Ich brauchte mich nicht , wie bisher auf jemanden anders zu verlassen.
Es war entsetzlich, vor anderen zu kriechen. ( Ich imitierte dieses Kriechen
mit den Händen.) Ich war nicht unbrauchbar, ich hatte so viel Kraft,
und das Leben kam mir nicht mehr lächerlich vor: Es war ein Geschenk!
(Ich dankte dem Arzt, dass er mir das zuvor gesagt hatte, er reichte mir
einen Spiegel.) Ich erblickte mich selbst und sah, dass ich schön
war und noch fast ein Kind. [Sie hatte mich zu Anfang der Sitzung alt
und hässlich gesehen.] Ich war soeben erblüht, für die
Welt, mit strahlendem Blick und frischer Haut. Der verächtliche Zug
um meinen Mund war verschwunden. Mein Körper war beweglich und voller
Leben. Zum ersten Mal liebte ich mich selbst."
Es sollte erwähnt werden, dass sie sich fast der gleichen Worte
bediente wie vorher, als sie ihr Selbstbild beschrieb: schön, jung,
frisch, voller Leben. Doch um diese Eigenschaften in Fleisch und Blut
oder im Spiegel zu sehen, bedurfte es mehr als der Kontemplation ihrer
essentiellen Natur. Es bedeutete das "Eingehen" in ihrem Leib,
das Präsentsein bei ihrem Handeln, und dies wiederum bedeutete, dass
sie den Mut haben musste, die Sklaverei durch das Diktat eines unterwürfigen
Persönlichkeitsmodells abzuschütteln, nach dem sie sich ihr
leibliches Leben lang ausgerichtet hatte.
Ihre Veränderungen konnte ihrem Mann und ihren nahen Freunden nicht
entgehen, und selbst noch nach einem Jahr beschrieb eine ihrer Bekannten
es mit den gleichen Worten: "Seit der Behandlung ist sie wie aufgeblüht".
In ihrer Ehe übte sie Geduld, solange es notwendig war, - bis zur
Kurierung ihres Mannes im Jahr darauf - doch nicht jene selbstverleugnende
erzwingende "Geduld" der Nicht-Kommunikation, sondern eine ,
die auf Selbstakzeptierung und verständnisvoller Liebe beruhte.
Alle drei der geschilderten Sitzungen haben etwas gemeinsam, das man
als ungewöhnlich spontanen "Selbst" - Ausdruck bezeichnen
darf, der sich in Form von Handlungen, Tanz, Empfindungen, Wahrnehmungen
oder Urteilen kundtat. Mit dieser Feststellung halte ich mich eng an die
Beschreibung der Erfahrungen dieser Personen undihrer eigenen Anwendung
des Wortes "Selbst" und verzichte auf Spekulationen darüber,
was unter diesem Selbst (oder dem Uhrheber solcher Erfahrung) zu verstehen
ist. Schon der Analysand unseres ersten Beispiels betonte , er habe die
Bilder oder Personen mit eigenen Augen gesehen, und realisierte, dass
nicht er es war, der im Alltag Dinge und Personen automatisch wahrnahm
oder sich automatisch seines Körpers bediente. Auch unser zweiter
Analysand verblieb unter dem Eindruck der Wahrnehmung einer eigenen Welt
sowie "der Gewissheit, dass die Welt als Ganzes, deren Teil aber
auch Beobachter ich bin, experientiell in mir ist und nicht etwas räumlich
Getrenntes". Und auch die Frau aus dem dritten Beispiel meinte, in
dem schönen Mädchen, das im Schneefall tanzte, das Bild ihres
wahren Selbst zu sehen. Und sie staunte: über "die Fülle
des Lebens in mir", und liebte sich selbst- mit einem natürlichen
Selbstwertgefühl und nicht mit der üblichen Eigenliebe, bei
der sich der Mensch in seiner Einbildung ständig vor einem Publikum
bewegt.
Im Gegensatz zu diesen Fällen relativ spontaner Entfaltung des Selbst
- als einem psychischen Gravitationszentrum, in dem sich das Individuum
als Einheit empfindet und nicht mehr als Kampfplatz sich widerstreitender
Triebe - kommt es oft vor, dass der Arzt den Patienten während der
Sitzung zum Selbstausdruck erst animieren muss oder dass Selbstausdruck
buchstäblich unmöglich ist, ehe nicht die divergierenden Aspekte
der Persönlichkeit miteinander in Einklang gebracht werden.
Es gibt zwei nützliche Kunstgriffe, mit denen man einem Menschen
zum Selbstausdruck verhelfen kann, die auch bei umfangreicheren Prozeduren
dienlich sein können: Der eine besteht darin, den Patienten mit potentiell
signifikanten Fotografien zu konfrontieren, der andere, Träume und
Traumfolgen zu provozieren. In beiden Situationen unterscheidet sich das
Ibogain in seinem Potential von anderen Drogen. Verwendet man LSD-ähnliche
Halluzinogene, sieht der Patient die Fotos entweder verzerrt, wobei die
Entstellungen über die Projektionen des Individuums auf die dargestellte
Person Aufschluß geben. Oder aber der während der visionären
Erfahrung erreichte Bewusstseinszustand kann die Beziehung des Patienten
zu der kontempliertenPerson verändern (zum Beispiel: "Zum ersten
Mal sah ich das wahre Wesen meiner Mutter, und nun liebe ich sie, mit
ihrem schwierigen Charakter. So wie sie für ihre körperliche
Beschaffenheit nichts dafür konnte, vermochte sie auch gegen ihre
psychische Veranlagung nichts auszurichten, die mir so geschadet und mir
so weh getan hat. Aber was ich jetzt sah, war wirklich nicht sie").
Wendet man MMDA an, verliert die Betrachtung äußerer Objekte
angesichts widersprüchlicher Verfassungen, bei denen körperliche
Empfindungen, Imaginationen oder intensive Gefühle dominieren und
das Jetzt allumfassende Bedeutung gewinnt, an Interesse. Dennoch gereichen
in der visionären Erfahrung durch MMDA sämtliche Stimuli dem
Patienten zum Vorteil, als Teil des Jetzt und fördern bei der Betrachtung
von Fotos auch die Möglichkeit, in neue, dem momentanen seelischen
Zustand entsprechende Beziehungen zu anderen Personen zu treten. Der Unterschied
zwischen LSD und MMDA besteht hier in der realistischeren Wahrnehmung
der anderen Person, sowohl was die projektiven Elemente (Wahrnehmung ohne
Entstellungen) als auch die Vermeidung oder Umgehung ihrer durch die Umstände
bedingten Realität betrifft.
Bei Anwendung von Ibogain lässt sich die Situation eher mit der unter
MMDA vergleichen, das ja , wie wir sahen, vermehrte Einsicht und emotionale
Reaktionen hervorruft und gelegentlich auch durch das Wiedererleben von
Kindheitsereignissen Aufschlüsse vermittelt. Ich habe festgestellt,
dass unter Wirkung von Ibogain das direktive Vorgehen lieber hingenommen
wird, was dem Therapeuten die Manipulierung apperzeptiver Phantome ermöglicht,
und zwar immer dann, wenn die Drogenerfahrung nicht jene Sicht auf das
demaskierte Selbst eröffnet, die auch das Selbst andrer hinter der
Maske zu erkennen vermag.
Welche Möglichkeiten Ibogain für das Imaginieren und Träumen
bietet, lässt sich aus der folgenden detaillierteren Schilderung
ersehen.
Mein eigener Bericht setzt in dem Augenblick ein, in dem ich dem Patienten,
einem Künstler, sechsunddreißig Jahre alt, vorschlage, einen
Traum mit mir durchzuarbeiten, den er mir schon eine Woche zuvor erzählt
hatte: Er saß im Hause seiner Eltern an einem Tisch und hatte das
Gefühl, dass sie - hinter ihm - im Zimmer zugegen waren. Ihm war,
als sei ihm etwas zwischen den Zähnen hängen geblieben, und
er versuchte, es zu entfernen. Zuerst sah es aus wie weiße Fäden,
doch verwandelten sie sich allmählich in kleine grünliche Wesen.
In diesem Augenblick wachte er entsetzt auf.
Jetzt, in der Sitzung, versuchte ich den Traum noch einmal zu vergegenwärtigen.
Dabei stellt sich heraus, dass der Traum nach dem Herausziehen der faserigen
gelatineartigen Fäden zu Ende war. Dennoch wird er das Gefühl
nicht los, als ob noch mehr ans Licht kommen müsste. Jetzt weise
ich ihn an, sich selbst in diese Fäden zu verwandeln und den Traum
aus dieser Perspektive noch einmal zu träumen. Dabei wird aus ihm
ein weißer Wurm mit dunkler Behaarung. Der Wurm verwandelt sich
dann wieder in einen Faden, halb ist er weiß, halb grün, dem
große Füße wachsen und der sich zu einem kleinen grünlichen
Nagetier entwickelt.
Von diesem Augenblick an nimmt er wieder die gleichen Bilder wahr, meint
aber, sich nicht mit ihnen identifizieren zu können. Aus dem Nagetier
wird jetzt erste eine Ente mit langem Schnabel, dann ein Reiher. "Seien
Sie dieser Reiher", mische ich mich ein. "Fühlen Sie, was
er fühlt."
"Ich gehe in den Vogel hinein", meldet er. "Ich sehe Flügel
zu Seiten des Kopfes, der nun der meine wird; ich beginne über das
weite ruhige Meer zu fliegen. Der Himmel ist wolkenlos, von reinem Blau,
und die Sonne wirft am Horizont entlang ein weißes Licht."
Diese traumartige Sequenz dauert noch an. Er geht durch die Sonne hindurch
und trifft jenseits auf einen riesigen weißen Raum. And diesem Punkt
schlage ich vor, zum ursprünglichen Traumzurückzukehren.
Wiederum holt er sich Fäden aus den Zähnen. Als sie grün
werden, beginnt eine weiße Flüssigkeit aus seinem Mund zu strömen
und schwemmt die kleinen Tiere fort. Er ist überrascht, dass es nur
wenige sind und dass sie harmlos zu sein scheinen; er meint, dass es noch
mehr sein müssten.
Jetzt öffnet der Patient den Mund, weiter und weiter, richtet sich
allmählich immer mehr auf und streckt Arme und Hände aus, als
wollte er etwas umschließen. Hierüber schreibt er später
Folgendes:
"Die hervorstürzende Flüssigkeit macht die Hand naß,
mit der ich die kleinen Wesen aus meinem Mund herauszuholen versuche.
Nun streckte ich die Hand aus, sie wird aber immer noch naß. Die
Flüssigkeit wird weißer und strömt immer üppiger.
Ich richte mich auf und öffne meinen Mund, weiter und weiter. Die
milchige Sturzflut hat enorme Kraft und einen starken Druck. Ich halte
meine Hände hinein, um sie zu waschen."
Da er bereits im Zustand er Drogentrance von dieser Waschung gesprochen
hatte, stellt sich bei mir die assoziative Verbindung zu der Sage von
Reinigung des Augiasstalles durch Herkules mit den Wassern des Alphios
und Peneios ein, weil sie symbolisch den gleichen Prozeß beinhalten
mag.
"Jetzt wollen wir den Jakob waschen", forderte ich ihn auf.
In diesem Moment erblickte er einen nackten Leib, dessen Kopf er aber
nicht sehen konnte. Er spie den Strom milchiger Flüssigkeit gegen
diese Gestalt; der Strom durch drang sie und wusch Brustkorb und Unterleib
rein. Als er den Strom dorthin richtete, wo der Kopf sein musste, entdeckte
er zu seiner Überraschung nicht den eigenen Kopf, sondern den seiner
Mutter. Kurz, es stellte sich heraus, dass dieses Gesicht eine Maske war,
die er entfernen musste, um das wahre Gesicht seiner Mutter erblicken
zu können. Während er die Waschung fortsetzte, öffnete
seine Mutter die Augen und erhob sich von der Erde und schwebte höher
und höher in einen leuchtenden Raum hinauf. "Dies kam mir sehr
seltsam vor, da ich nicht an einen Himmel glaubte, in den man aufsteigen
kann", schrieb der Patient später.
In diesem Augenblick seiner visionären Erfahrung bemerket er zwischen
dem Bereich, in dem sich seine Mutter befand, und der Erde, auf der er
stand, eine schräge, transparente bräunlich-gelbe Ebene, die
ihm mit viszeralem Leben erfüllt schien und sich langsam in eine
Himmelskugel verwandelte. Auf ihrer oberen Rundung bildete sich ein Thron
heraus, auf dem der Besitzer der Erde saß. Er war von dominierendem
Wesen. Der Patient schritt auf ihn zu und verwandelte sich in ihn. Hier
hörte die Traumsequenz auf. Es schien uns ein logisches Ende. Dennoch
fehlte etwas, nämlich ein Gefühleserlebnis, das dem expliziten
Inhalt dieser Schau entsprochen hätte. Und der Patient vermerkte
auch später in seiner Niederschrift, dass er tatsächlich zu
seiner Überraschung weder Freude noch Trauer verspürt habe.
Wie wir sehen werden, durchlief der Analysand diese Traumsequenz vier
Stunden später noch einmal, diesmal mit anderem Ausklang. Der Erfolg
dieses zweiten Versuchs war den Einsichten du Empfindungen zu verdanken,
die eine vorangegangene Kontemplation von Familienfotos ausgelöst
hatte.
Beim Betrachten von Jugendfotos seiner Eltern fiel ihm eines besonders
auf: ein Foto seiner Eltern nach mehreren gemeinsamen Ehejahren.
"Wie haben sie sich verändert!" schrieb er später.
"Aus Mutter ist ein leidendes, gequältes Wesen geworden. Beide
scheinen in sich gekehrt, beide sehen sehr traurig aus. Vater ist angespannt,
presst die Lippen zusammen. Seine Nase lässt auf Heftigkeit, Dickköpfigkeit
und Reizbarkeit schließen. Was für ein Unterschied im Vergleich
zu seinem leuchtenden Blick auf dem Foto von 1910!"
Nachdem er den Ausdruck seiner Eltern beschrieben hatte, forderte ich
ihn auf, sie miteinander sprechen zu lassen. Dies fiel mir sehr schwer,
da er das Gefühl hatte, seine Mutter werde ihn rügen, weil er
einem Fremden Einblick in seine Angelegenheiten gewährte. Dennoch
sagte "Mutter" schließlich:
"Ich weiß, dass es eine Konvenienzehe ist, dennoch, warum
bist du mir gegenüber so heftig? Warum schreist du so und warum beleidigst
du mich?"
"Das muß ich tun, weil ich sehr schwach bin", sagte "Vater".
Der Patient realisierte jetzt, wie fremd seine Eltern einander waren
und wie erstarrt. "So sahen sie unter LSD-Wirkung nicht aus",
bemerket er. "Sie wirken eher wie Statuen und nicht wie menschliche
Wesen."
"Vielleicht haben Sie Ihre Eltern verherrlicht?" sagte ich.
"In diesem Augenblick", schrieb er nachher, "war ich von
jener charakteristischen Klarheit erfüllt. Ich hatte den tiefsten
Grund erreicht. Und ich sah, dass ich meinen Eltern noch immer Denkmäler
errichtete."
Wir setzten den Dialog der Eltern fort.
Die Mutter sagte: "Warum bist du so gemein zu mir gewesen? Kannst
du mich denn nicht wenigstens ein bisschen lieben?"
Der Vater antwortete: "Ich kann keine Liebe aufbringen, da ich mich
aus deiner Welt, von deinen Freunden ausgeschlossen fühle."
Und nun gelangte der Analysand zu einer weiteren Einsicht: Es wurde ihm
klar, dass er es selbst war, der hier sprach, und zwar zu seiner Geliebten.
Von mir animiert, ihre Anwesenheit zu imaginieren und frei heraus mit
ihr zu reden, sagte er: "Du bist eine Hure, eine Fremde. Ich mag
dich nicht lieben, weil du für jeden zu haben bist."
Als ich ihn darauf aufmerksam machte, dass er immer noch von ihr spräche
und nicht mit ihr, erkannte er, dass er dazu nicht in der Lage war. "Sie
wird mich fressen," sagte er , und dabei ging ihm auf, dass er deshalb
von so vielen kleinen Wesen geträumt hatte, weil sie in Wirklichkeit
riesige Ungeheuer waren ,die Kinder fraßen, zumal einsame Kinder.
"Demzufolge", bemerkte er, "muß jede Frau, die anders
ist als die eigene Mutter ( die ein "reines Wesen" darstellt),
ein Monster sein, dem man besser nicht zu nahe kommt, da es den "Jungen"
sonst fressen könnte. Ich weiß nicht , wie es mir gelungen
ist, nicht impotent oder homosexuell zu werden."
Vermutlich gewann diese Erkenntnis für den Patienten an Bedeutung,
als er sich wieder seiner Traumerfahrung zuwandte. Er stand immer och
unter dem Eindruck, dass bei der vorigen Betrachtung etwas gefehlt habe.
Hier folgt die Wiedergabe der neuen Sequenz in den Worten des Patienten:
"Alles verlief wieder so wie im ersten Teil: Fäden, grünliche
Geschöpfe, die Ratte, der Vogel, die Waschung des Leibes von Jakob,
die Waschung des Gesichts meiner mutter, deren Augen geschlossen sind,
mit dem milchigen Strom. Ich bin mir bewusst, dass sich hier um einen
sexuellen Vorgang handelt. Ich fahre fort, ihr Gesicht zu waschen und
bleibe bei ihr, bis sie aufsteigt in die Höhen. Nun wende ich mich
dem Mann im Schatten zu , der bedrohlich dominierend auf seinem Thron
sitzt. Ich fliege hin zu ihm, um zu sehen, was er mit mir machen wird.
Denn mir wird klar, dass nicht ich dieser Mann bin. Als ich mich seiner
verschatteten Höhle nähere, sehe ich, dass er die Backen aufbläst
und das Gesicht verzerrt, als wollte er mich erschrecken und verscheuchen.
Er bewegt seine Arme wie ein Gorilla. Und plötzlich geht mir auf,
dass dies men entstellter, zahnloser alter Vater ist. Und als ich mich
ihm weiter nähere, sehe ich, dass dieses Gesicht nur noch aus Knochen
besteht, alles Fleisch ist dahin.
Ich fliege näher und näher, bis ich das große Denkmal
erreiche. Ich fliege durch eine der Augenhöhlen hindurch ( es zeigt
sich, dass Ganze aus einer kompakten Masse besteht) und komme auf der
anderen Seite wieder heraus. Ich blicke zurück und erkenne, dass
dieses Denkmal innen hohl und nichts als eine leer Fassade ist. Jetzt
verschwindet diese Ruine, nur der Sitz ist noch da. Ich begreife, dies
ist der leere Platz, den Vater hinterlassen hat, und so nehme ich ihn
ein. Ich bin nicht der Besitzer der Welt, doch ich habe den Platz meines
Vaters eingenommen. Und ich erkenne, dass man die Welt besitzt, wenn man
ein Vater ist. Eine Woge von Lachen und Weinen lässt mich erzittern.
Ich lache und weine lange Zeit. Ich fühle mich von einer großen
Unruhe befreit. Ich war selig. Später fragte ich mich: Welchen Platz
kann mein Vater mir hinterlassen haben? Was war es, das ich an ihm bewunderte?
Und mir fiel ein, dass er auf dem Gebiet der Pelzherstellung eine Kapazität
gewewn war, ein Meister seines Faches. Das hatte ich immer respektiert.
Ich fühlte mich erleichtert und musste daran denken, ob ich wohl
auf dem Gebiet der Bildhauerei die gleiche Vollkommenheit erreichen würde,
und dass die Skulptur selbst, auf einer anderen Eben eine Art Erbe meines
Vaters sei.
Jetzt durfte ich meine Augen öffnen und mich von meinem Bett erheben.
Jetzt habe ich meinen Platz. Niemand kann mich ausschließen, nirgendwo.
Ich kann meine Ängste besiegen, ich kann sie durchstehen.
Ich habe meinen Platz.
Ich brauche noch nicht einmal zu gehen oder zu kommen zu vergessen oder
Ghetto zu verriegeln. Ich habe meinen Platz, drinnen, draußen, neben
wem ich immer mag.
Ich brauche um nichts zu bitten, den ich habe einen Platz. Ich brauche
nicht zu kommen und zu gehen, zu fliehen , zu entkommen, da ich meinen
Platz habe.
Alles ist Teil von mir. Ich bin. Nicht, dass ich bildhauern müsste.
Ich werde meine Arbeit tun, wo immer und was immer es auch sei, denn da
sie ein ? Teil von mir ist, werde ich nicht symbiotisch an sie gebunden
sein. Weder X noch Y werden mich an sich ziehen, da ich dort bin wo ich
wirklich bin.
Ich brauche nicht mehr zu fliehen, vor nichts, sei es angenehm oder unangenehm,
verhasst oder schrecklich, wie auch immer, wie auch immer, Ich habe ja
stets die Möglichkeit, jenseits zu gehen, ins ewig Gültige -
das heißt nach innen.
Ich genieße es, wie es in mir widerhallt: Ich habe meinen Platz
ich habe meinen Platz ich habe meinen Platz."
Der therapeutische Gewinn der Sitzung für den Patienten geht aus
seinen Worten nur zu deutlich hervor. Bleibt mir nur noch hinzuzufügen,
dass er von Dauer war.
Auch in dieser Sitzung zeigten sich einige Elemente, die wir schon früher
in diesem Kapitel als für Ibogain typisch erwähnten: Tiere (menschenfressende
Ungeheuer oder der gorillahafte Vater), als Symbol des Trieblebens, Imaginationen
sexuellen Gehalts ( die "Waschung" der Mutter), der Flug zum
Licht (der Vogel, der sich dem weißen Sonnenlicht nähert und
er Aufstieg der Mutter in ein Lichtreich), Gefühle von Groll, Einsamkeit,
Ausgeschlossensein ("Ich fühle mich ausgeschlossen aus der Welt",
"du bist eine Hure, eine Fremde") und vor allem der ödipale
Komplex, in den sexuelle und aggressive Tendenzen eingebettet sind.
Vergleichen wir den ersten, von ihm als unvollständig empfundenen
Traum des Patienten mit dem zweiten, der in Freudentränen über
seine "Ankunft" endete, erkennen wir, dass der erste sozusagen
eine Art Blaupause für den zweiten, für das Gebäude selbst
war - ein zweidimensionaler Vorgang im Vergleich zu einem dreidimensionalen.
Im ersten wird die Frage seines Verhältnisses zu seiner Mutter sowie
die Stellvertretung des Vaters angeschnitten, seine eigenen Lebensfragen
jedoch nur zum Teil, auf die Herausforderung wird noch nicht reagiert.
Anders als die relativ indifferenten Imaginationen des ersten sind die
des zweiten Traums mit Triebsymbolik befrachtet, für die er sich
verantworten muß, indem er die sich entfaltende Szene zum Ergebnis
einer echten Entscheidung macht: es liegt bei ihm. Die wichtigsten Unterschiede
zwischen den beiden Traumszenen bestehen im Gewahrwerden des sexuellen
Elements bei der Gehsichtswaschung der Mutter sowie in der drohenden Haltung
des Vaters, als er sich ihm näherte, und der er trotzt.
Wir dürfen meiner Ansicht nach davon ausgehen, dass di eUnterschiedlichkeit
der beiden Versuche der Betrachtung der Fotos zu verdanken war, da dem
Patienten hierbei die dominanten Gefühle des Traums bewusst wurden,
die dann real empfunden werden konnten. Hier erfolgte auch der erste Hinweis
auf die angebliche Brutalität seines Vaters, zunächst wie sie
von der Mutter (als Opfer) erlebt wurde, und dann aus väterlicher
Sicht (Feindseligkeit) aufgrund von Zurückhaltung).
Nachdem dadurch sein eigenes Gefühl der Zurückweisung aktiviert
worden war und er in seines Vaters Verlangen nach der Liebe seiner Mutter
sein eigenes Liebesverlangen wiedererkannt und auch seiner Aggressivität
ein wenig Luft geschafft hatte, war er nun reif für diese Symbolhandlung,
die bedeutete und zugleich bezeugte, dass er die Realität seines
Trieblebens nunmehr hinzunehmen vermochte. Mit ihrer Hilfe hob er buchstäblich
den Verdrängungsprozeß auf, den er sich von Kindheit an mit
seiner Elternverherrlichung auferlegt hatte. Nun ist er nicht mehr in
einen "Vater" und eine "Mutter", in einander widerstreitende
Persönlichkeiten gespalten. Vielmehr bejaht er nun sein Bestreben,
ein Mann zu sein, und sieht sich in der Außenwelt als ein Vater
mit Frau und Kind.
Rückblickend ist zu ersehen, dass er sich in seiner vorherigen Selbstverneinung
mit einem parasitären, den Mann(Vater und Sohn) "ausschließenden"
Mutterbild identifiziert hatte, anstatt der zu sein, der er war, und von
innen nach außen zu leben. Die Aufdeckung der Einstellungen von
"Vater" und "Mutter" bildete den Ausgangspunkt für
den Prozeß des Einswerdens mit den eigenen Empfindungen, ohne Rücksicht
auf die historische Realität der Elternpersonen. Aus diesem Grunde
könnte man jenen ersten Prozeß einer analytischen Phase gleichsetzen,
welche die in der Traumsequenz erreichte Synthese erst möglich machte.
Wie bereits gesagt, ist die Ibogain-Therapie besonders geeignet für
die Erforschung der Vergangenheit, im Gegensatz zu MMDA, das besonders
der Erhellung des Gegenwartssituation dienlich ist. Dies trifft in so
starkem Maße zu, dass man zu sagen versucht ist: Wenn das Motto
"Ich und Du, Hier und Jetzt" eine komprimierte Beschreibung
der Gestalt-Therapie MMDA beinhaltet, müsste es bei der Anwendung
von Ibogaine heißen: "Er und Sie, Dort und Einst". Aus
welchem Grund ist unschwer zu verstehen: Die Wirkung von MMDA spielt sich
überwiegend im Gefühlsbereich ab, die Wirkung von Ibogain vorwiegend
im Symbolbereich, und nur mit Hilfe von - begrifflichen oder visuellen
- Symbolen vermag man sich mit Realitäten auseinanderzusetzen, die
nicht gegenwärtig sind.
Auch zwischen dem Bereich vergangener Erfahrung, zu dem MDA uns den Zugang
erleichtert , und jenem und jenem, den wir mit Hilfe von Ibogaine aufzudecken
vermögen, ist der Unterschied groß. Während es bei Anwendung
von MDA um ein Erinnern an Vorgänge geht und bestenfalls auch um
Reaktionen und Gefühle bei der Konfrontation mit ihnen, bewegt sich
die Person bei Ibogain- Anwendung in einer Welt der Phantasien., unter
Ibogain evozierte Elternbilder entsprechen vermutlich dem Bild, das sich
das Kind von seinen Eltern machte, und das noch im Unterbewusstsein des
Erwachsenen schlummert, aber nicht notwendigerweise der Realität
entsprechen muß. Im Lauf des therapeutischen Prozesses mit Ibogain
werden solche Konstruktionen als das erkannt, was sie sind, und Befreiung
tritt ein. Dagegen bei der MDA - Therapie will es scheinen, dass die Konfrontation
im Reminiszieren der wahren Vorgänge besteht, was implizite der Macht
der Zerrbilder entgegenwirkt, die ja auf der Leugnung einer Realität
beruht, mit der das Kind seinerzeit nicht fertig zu werden vermochte.
"Die Dinge so sehen , wie sie sind" und nicht von Einbildung
oder Vorurteil gefärbt, so könnte man nennen, was im Augenblick
der visionären Erfahrung unter LSD geschieht. Doch gilt dies meist
für die Gegenwart, und erneut bezieht der schlafende Drache der Phantasie
seinen Posten als Hüter des Pfades. Eine LSD-Erfahrung dieser Art
hatte der Patient unseres letzten Beispiels ( für Ibogain - Anwendung)
acht Monate vorher durchlebt, und so dürften einige seiner Überlegungen
in bezug auf den Unterschied zwischen beiden Drogen von Interesse sein,
da sie die Natur des oben beschriebenen Prozesses besser verdeutlichen.
In Bezug auf LSD meint er:
"Ich hatte die Gewissheit, erstmals die Welt so zu sehen , wie sie
ist, wie sie war und wie sie sein wird, ungeachtet meiner selbst. Alles
trat bis in die kleinsten Einzelheiten so deutlich hervor und bildete
den harmonischen und fasslichen Teil eines Ganzen. Ich nahm es in mich
auf wie ein Paradies, das ich, wie ich begriff, im Labyrinth meines eigenen
Nichtseins verloren hatte. Zum ersten Mal sah ich meine Eltern, wie sie
wirklich waren, jenseits ihrer eigenen Mythen. Ich sah sie traurig, geschlagen,
verlasse in ihrer Verfeindung. Mit LSD war es ein visionäres Starren
bei weit geöffneten Augen, ein Staunen über den ersten Blick
auf die Welt, bloßgelegt, nicht mehr abgeschirmt von einer Wand
von Angst.
Ich sehnte mich danach, in diese Welt zurückzugelangen, denn intuitiv
spürte ich, dass dort meine Glückseligkeit lag. Ich erkannte,
dass ich sie nur dann erlangen würde, wenn ich ernsthaft an mir arbeitete,
ohne Furcht und ohne Versteckspiel. Ibogain hingegen brachte mich dazu,
mich selbst zu besehen, mein Inneres, bei geschlossenen Augen, ein unaufhörlicher
Strom von Bildern, auf einen dreidimensionalen Schirm projiziert, zwang
mich, den Monstern in meinem Inneren entgegenzutreten, ihnen die Stirn
zu bieten, trotz meiner Ängste bis zum Ende durch zuhalten, ohne
jene in Träumen so häufigen Unterbrechungen, und mich nach jenseits
jener fingierten illusorischen Gefahren durchzukämpfen, die ich mir
selbst in den Weg gelegt hatte.
Mit Ibogain sah ich, im Gegensatz zu LSD, meine Eltern, die Zentralgestalten
meiner phantasmagorischen Szene, nach dem Bilde, das sie in meiner Innenwelt
einnahmen: imposante Monumente, die mir das gesamte Blickfeld verstellten.
Ibogain ermöglichte mir, diese Riesen - sie waren Legende - als solche
zu erkennen; es führte mich auf ein Feld, wo ich offen gegen sie
ankämpfen konnte. Un dich kämpfte in der Tat, und es wurde mir
klar, dass der Wege zur Freiheit allein durch die Trümmer der inneren
Ängste führt."
Ein Aspekt diese Zitats besteht in dem Glauben des Patienten, die LSD-
Erfahrung hab eihm das Ziel gewiesen und damit den Antrieb gegeben, sich
zur Erreichung dieses Ziels durch die Ibogain - Erfahrung hindurch zu
kämpfen. LSD ist wie ein Blick aus einem Fenster, das ins Freie führt,
Ibogaine dagegen eine Gelegenheit, das alte Gebäude einzureißen,
um für ein neues Platz zu schaffen. Es kann als "Arbeitsdroge"
in dem Sinn bezeichnet werden, dass es die Analysierung unbewusster Lebenshindernisse
erleichtert.
Ich finde, dieser Patient hat den Unterschied zwischen der Objektivität
der "Dinge, so wie sie sind" und der subjektiv gefärbten
Erfahrung recht gut getroffen. Natürlich vermögen wir die Dinge
nicht so wahrzunehmen "wie sie sind", da der Grad unserer Bewusstheit
von unserer Erfahrungsbreite abhängt. Doch verdeutlicht seine Formulierung
den Gegensatz zweier Erfahrungsweisen: Bei der einen leert sich der Geist
sozusagen von allen gewohnten Vorstellungen und erfasst die Realität,
"wie sie ist"; bei der anderen wird die Außenwelt zum
Spiegel individueller Erwartungen, Hoffnungen und Sehnsüchte. Was
davon wir nun als "Realität" anerkennen wollen - die Dinge
da draußen, so weit wie möglich von der Sicht unseres eigenen
Seins befreit, oder die unserer eigenen Konstruktion - ist Neigungssache.
Die "konkrete" Welt mag uns substantieller erscheinen als die
phantomare Welt der inneren Bilder, dennoch ist sie nicht unsere. Und
sind wir im Zustand des Nicht-Seins, ist er doch ein Zustand empfänglicher
inneren Leere.
Ein entscheidender Schritt des Patienten war bei der Ausbreitung seiner
Drogenerfahrung der stillschweigende Entschluss, zu der drohenden Vaterfigur
hin zu fliegen. So vermochte er seinen "inneren" Vater, seine
eigene männliche Komponente zu entdecken, Das Gefühl der Bedrohung,
die diese Imagination verrät, zeugt vom Bestehen einer inneren Barriere,
die dem geistigen Vermögen des Patienten durch Veranlagung gesetzt
ist. Hätte er sich der Aufdeckung bestimmter Sehweisen und Gefühle
nicht widersetzt, wäre ihm die psychologische Integrierung viel früher
gelungen. Nicht einmal das direktive Vorgehen des Therapeuten vermag die
fehlende Eigeninitiative des Patienten, den geistigen Sprung in die Gefahrenzone
zu wagen, ersetzen, wenn die Barriere zu hoch ist. Die Bilder werden verblassen
(wie beim nächsten Beispiel der Fall) oder an Gefühlsgehalt
verlieren. Doch kann ein sanfter Anstoß von außen zumindest
den Engpaß aufdecken oder sogar zur Eroberung eines Stückchens
festen Boden unter den Füßen verhelfen. Dieser Anstoß
mag in Richtungsweisen, Ermutigung oder Appell an die Aufmerksamkeit in
einem Augenblick bestehen, da die Unerfreulichkeit der Erfahrung den Analysanden
dazu veranlassen könnte, den Blick abzuwenden. Zu gewissem Grad erfolgt
solch eine Hilfe schon allein durch die Anwesenheit des Therapeuten, die
dem Patienten die notwendige Sicherheit verleiht, um locker zu lassen
und mit gewissen Bereichen seiner Innenwelt in Kontakt zu treten. Bisweilen
kann auch das aktive Interesse des Therapeuten am Erfahrungsinhalt das
Desinteresse des Patienten an kritischen Punkten ausgleichen und ihn vor
dem Teufelskreis der Selbstverurteilung und psychischen Lähmung bewahren.
Während der Patient unseres letzten Falles fähig war, der imaginierten
Gefahr zu begegnen und auch von der inneren Weisheit seines Unbewussten
dazu getrieben wurde, dies ohne Anweisung zu tun, waren im nächsten
Fall fortgesetzte Weisungen vonnöten, um die Patientin über
längere Zeiträume hinweg zur Konfrontation zu bewegen, damit
sie sich mit den bedrohlichen Erscheinungen vertraut machen konnte.
Bei dieser Ibogain -Sitzung handelte es sich um eine neununddreißigjährige
Frau. Sie begann mit einem Wutausbruch der Analysandin, der sich gegen
ihre Schwester richtete, die , wie sie meinte, ihr nicht vertraut, sie
nicht geliebt und nicht verstanden habe. In gleicher Wut wandte sie sich
(imaginierend) dann anderen Familienangehörigen und schließlich
ihrem Mann zu, den sie mit erhobener Stimme zur Rede stellte. Zu guter
Letzt rief sie laut: "Ich bin frei! Was für ein Gefühl
der Erleichterung!" Dann folgte eine Phase des "weißen
Lichts", auf die wiederum Panikstimmung folgte: Sie befand sich unter
einem trommelschlagenden Negerstamm. In Wirklichkeit eine überdisziplinierte,
überkultivierte Person, sah sie sich nun als Primitive mit aufgelöstem
Haar und einem Rock aus Baststreifen, die ebenfalls Trommel schlug. Dann
brach diese Szenen ab; sie wurde wieder von einer "Lichtszene"
abgelöst:
"Ein Lichtstrahl kommt von oben. Er fällt durch das Fenster
eines hohen Turms. Jenseits sehe ich den Himmel, intensiv blau, mit weißen
Wolken jetzt fällt ein weiterer Lichtstrahl von einem hohen Berg
herab, und während dieses goldfarbene Licht näher kommt, verschwindet
das andere. Jetzt ist es ganz fort, und eine riesige rötlich-orangefarbene
Sonne nähert sich mir. Sie erhellt die Wüste und auch den Raum,
in dem ich bin. Nach und nach ist alles vom rötlichen Schein überflutet.
Der Raum erwärmt sich und wird unerhörte schön. Die Sonne
umfängt mich und verleiht mir ihr Licht und ihre Wärme. Ich
habe das Gefühl, als ob ich gehe, im Zimmer auf und ab wandre, und
wenn ich aufstehe, sehe ich , dass ich an einem schwarzen Ort bin - wie
ein Teich mit dunklem Wasser. Aus ihm ragt nur ein ganz kleines Stück
Boden hervor. Auf ihm sind der Doktor und ich.
Entsetzlich! Neben uns taucht aus dem Wasser ein grässliches Ungeheuer
auf. Wie ein mitten durchgeschnittenes Krokodil. Knallgrün. Von der
Seite ist sein Auge das eines bläulich schimmernden Papageis mit
einem gekrümmten Schnabel. Und der Schwanz des Krokodils ist kein
richtiger Krokodilschwanz, er besteht aus schwarzen Federn. Am meisten
ängstigten mich seine Augen und seine Bewegungen, wenn es wie elektrisiert
mal hierhin, mal dorthin flitzt. Kaum bin ich ihm entkommen, taucht es
plötzlich an einer anderen Stelle auf. Ich schreie und höre
den Arzt dabei sagen: "Blicken Sie ihm ins Auge. Keine Angst. Lassen
Sie es auf sich zukommen." Aber meine Angst ist größer
als der Wunsch, dem Arzt zu folgen, ich bringe es nicht fertig. Ich schließe
die Augen und sehe es immer wieder auftauchen - hier - da - tack -tack
- tack ...ich kann diese Angst nicht ertragen.
Nun bin ich in einer riesigen Höhle, in der sich zwei Pfade kreuzen.
Zwei gewaltige Tiere kommen Seite an Seite daher: Sei sind von leuchtendem
Blassgrün und haben etwas Pflanzenartiges, von der Form eines Kaktus.
Mit körniger Haut. Widerwärtig. Ich staune, fürchte mich
aber nicht. Der Arzt sagt: "Weichen Sie ihnen nicht aus." Ich
betrachte sie gespannt. Eines der beiden hat einen gewaltigen Schädel,
wie ein Elefant - ein bisschen komisch - , und von seiner Brust hängen
verschlungene pflanzenähnliche Gebilde herab. Wenn das Tier sich
bewegt, beginnen auch sie zu baumeln. Ich finde es komisch und widerlich
zugleich.
"Ahmen Sie es nach. Seien Sie selbst dieses Tier", sagt der
Doktor. Ich merke, dass ich dazu nicht fähig sein werde. Ich lege
meine Beine aneinander und versuche es, doch es gelingt mir nicht. Ich
wehre mich dagegen, ich will nicht, ich kann nicht. Ich zittere. Das ist
unmöglich., ich fühle, er will, dass ich tanze. Hat er es gesagt,
oder bilde ich mir das nur ein? Ich will nicht tanzen. Mir ist nicht danach.
Er besteht darauf: "Seien Sie selbst dieses Zittern." Schließlich
versuche ich zu gehorchen. Ich hebe die Arme und schicke mich drein, komme
was wolle. Ich beginne zu zittern und fühle, dass meine beiden Arme
eine Flamme bilden; sie strahlen Licht aus. Eine Energie von oben setzt
sie in Bewegung, fügt sie zusammen, und nun drehen und drehen sie
sich wie elektrifiziert, ich habe nicht die Macht si ezu stoppen....Meine
Arme brennen. Sie sind Feuer und drehen sich weiter. Ich falle zu Boden,
die Arme noch immer hoch gereckt, und nach und nach hören sie auf,
sich zu drehen und fallen herab, während mich ein unendlicher Friede
erfüllt. Ein süßer, stiller Friede...
Ich fühle, dass ich ohne Worte verstehe, was ich zuvor nicht wusste.
Dies ist Bewusstheit. Größer und tiefer als je zuvor. Ich begreife
viele unaussprechliche Dinge. Ich habe noch nicht gewusst, wie man liebt.
Ich habe gelebt, ohne zu leben. Ich sehe meinen kleinen Verstand als Bruchteil
meines ich bin. Verstehen, Bewusstsein - es ist ein und dasselbe. Es gibt
keine Worte, nur unendliches Verstehen in jenem zeitlosen Augenblick."
Dies ist ein typisches Beispiel für die Welt des Ibogain, für
ihre helle wie ihre dunkle Seite: der weise Lichtstrahl und die Hölle
mit den Ungeheuern, die Sonne, der schwarze Teich und das verborgene Krokodil.
Außerdem sehen wir himmlische und höllische Szenen im Wechsel:
Der anfängliche Wutausbruch ( sie meinte, er sei wie eine Vulkaneruption
gewesen) wird von einer lichtvollen Episode abgelöst. Freudig beginnt
sie, mit den Händen auf den Fußboden zu klopfen, doch dann
treten die Neger auf. Lange vermag sie die Furcht vor dem Unbekannten
und Primitiven nicht zu ertragen; die Bilder verblassen, und als sie zur
Ruhe kommen versucht, sieht sie Licht durch das Fenster des Turms fallen.
Auf der Höhe dieser angenehmen Episode hat sie das Gefühl, dass
sie umhergeht, aufsteht - dann bricht Dunkelheit herein. Diesmal nimmt
der Prozeß nicht von selbst ein Ende. Sie wendet sich ab, hält
nicht durch. Die Nichtvollendung der Erfahrung scheint sie zu einer anderen
düstern Szene zu führen, als wäre da etwas, das sie nur
im Dunkel assimilieren könne. Jetzt scheint das Schlimmste vorüber
zu sein, oder aber sie ist desensitiviert gegen die Angst dank ihrer Anstrengung,
sie durchzustehen. Nun kann sie diesen Monstren wenigstens ins Auge sehen
und trotz ihres Widerwillens doch Gleichmut bewahren. Wieder ist es Bewegung,
die sie am nachhaltigsten beeindruckt, bei den Negern wie beim Hin-und-her-Wechseln
des Krokodils. ( Die Leuchtfarben der Bilder und das "Elektrisiert-Sein"
verraten die gleiche Dynamik". Die visuelle Konfrontation scheint
jetzt zu Ende, da sie das Untier nun detailliert zu beschreiben und das
dadurch ausgelöste Unbehagen zu ertragen vermag. Jetzt geht es darum,
diesem "Monstrum" den angemessenen Platz in ihrem Innern zuzuweisen,
denn dieses Fabeltier kann nur aus ihrer eigenen Realität hervorgegangen
sein. Interessanterweise steht Zittern hier gleichbedeutend für Tanzen.
Und offensichtlich ruft der Akt des Zitterns beziehungsweise Tanzens lebhaften
Wider stand bei ihr hervor. Schließlich gibt sie nach; ich sage
"nachgeben", weil sie sich in diesem Augenblick nich tmehr als
vorsätzlich handelnd oder ausagierend empfindet, sondern als passiv
von einem regelrechten Drang bewegt. Und in dem Augenblick, da sie zu
zittern beginnt, erfolgt der Übergang aus der Welt der Chimären
in die des Lichts, das nun ihrem eigenen Leib entspringt.
Das Gefühl der Wut bei Einsetzen der Drogenwirkung, das sinnliche
Trommeln der Primitive, das Krokodil mit seinen elektrisierten Bewegungen
und das sprunghafte Ungetüm, sie alle verwiesen in den Bereich des
Trieblebens, dessen Existenz die Patientin zum Nachteil der Entwicklung
ihres Gefühlslebens nicht hatte wahrhaben wollen. So ist es kein
Wunder, dass sie erst jetzt, nach Aufgabe ihres Widerstands einsieht,
dass ihr "kleiner Verstand" nur ein Teil ihres "ich bin"
ist. Das Tanzen - eine spontane Bewegung, in der sich elementare Agressivität
und Sinnlichkeit verbinden und miteinander versöhnen - war ihr größter
Wunsch und zugleich ihr größtes Tabu. Das Tanzen hatte sie
befreit. Aber noch tanzte sie nicht. Sie erteilte sich nur den Befehl
dazu in dem Glauben, der Arzt habe es ihr suggeriert, (das heißt,
sie projizierte ihr uneingestandenes Verlangen als Erwartungshaltung in
die Außenwelt). Diese nicht abgeschlossene Situation wiederholt
sich mehrmals. Eine halbe Stunde später zum Beispiel fordere ich
sie auf, noch einmal das Tier nachzuahmen, da mir scheint, dass ihr das
noch nicht gelungen war, und diese Episode beschreibt sie drei Tage später
wie folgt:
"Ich stehe nun auf. Der Arzt hat mich um etwas gebeten. Was war
es nur? Ich soll tanzen? Zittern? Mir den Rhythmus der Neger vergegenwärtigen?
Oder das Kaktus- Tier nachahmen? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht
wusste ich es auch damals nicht. Aber ich sehe mich vor einer Riesentrommel
stehen. Jenseits der Trommel sehe ich viele Neger sich im Rhythmus der
Trommel bewegen. Sie haben dicke Lippen, weiß angestrichen, und
Röcke aus weißen Streifen, die von einem roten Gürtel
herabhängen. Brust und Beine sind frei. Ich schlage die Trommel mit
aller Kraft, erst mit der Rechten, dann mit der Linken. In meinen Händen
halte ich so etwas wie hölzerne Hämmer. Ich lasse das Trommeln
und gebe den Takt mit meinem Körper an. Ich möchte tanzen. Es
gelingt mir nicht recht. Ich versuche es noch einmal und kann es nicht.
Dann sehe ich zwischen den Negern Marias weißes Gesicht. Sie lächelt.
Ihr Ausdruck verändert sich, als ich sie ansehe, sie beginnt laut
zu lachen. Sie lacht mcih aus, weil ich nicht zu tanzen verstehe. In meinem
Zorn werfe ich den Hammer und töte jemanden damit, aber es ist mir
gleich. Ein Kontakt ist abgerissen. Der Doktor fordert mich auf, die Szene
noch einmal durchzugehen, aber ich bin dazu nicht in der Lage. Ich setze
mich hin, dann lege ich mich nieder. Der Arzt spricht mit mir, doch kann
ich mich nicht erinnern, was er sagte. Ich weiß nur, dass ich nicht
verstehen kann. Ich kann nichts verstehen. Irgend etwas geht in mir vor.
Plötzlich werde ich mir bewusst, dass ich schon lange sexuelle Erregung
empfinde. Ich spreche das aus. Der Arzt sagt: "Geben Sie dem nach.
Spüren Sie es." Und dann habe ich das Gefühl, als ob mich
jemand an den Beinen packt und sie bewegt, ähnlich wie die Bewegungen
des Geschlechtsakts. Es kommt nicht zum Orgasmus - oder aber zu tausenden
- schwer zu beschreiben. Aber es hört nicht auf. Die Erregung dauert
an. Wieder sehe ich herrliche Landschaften, Sonnenuntergänge, Vegetation,
das Meer, weite Wüstenbereiche und die Sonne als phantastischen Feuerball
im Hintergrund. Ich sage:'Wie schön!' der Doktor hat mich gebeten,
nicht zu sagen, ob etwas schön ist oder hässlich sei, sondern
es nur zu beschreiben. Aber wie soll ich das fertig bringen, wenn es so
schön ist? Das ungeheure Gefühl des Seins, das Gefühl,
das die Vibrationen in meinem Fleisch hervorrufen. Ich möchte es
tausendmal sagen: 'Ich bin, ich bin, ich bin.' Es ist Alles und es ist
mehr als genug."
Noch einmal konnten wir hier das Überwechseln aus der dunklen Unterwelt
der Triebe zur Schönheit unserer Erde, der Sonne, des Seins beobachten.
Doch unterscheiden sich diese Episoden von den vorangegangenen insofern,
als sie diesmal aktive partizipiert, sie trommelt, sie geht auf die der
schar der tanzenden Neger, sie schlägt mit den Händen den Boden
und schließlich möchte sie tanzen (glaubt sich nicht nur dazu
angewiesen). Dann wallt tödlicher Zorn in ihr auf, worauf die Sequenz
abreißt. Darüber hinaus zeigt sich ein weiteres Element, das
einen Schlüssel zum Verständnis ihrer Verkrampftheit, zumal
ihres inneren Widerstands gegen das Tanzen liefert: die Freundin Maria,
die sie wegen ihres Unvermögens auslacht. Es ist ihr Stolz, der sie
daran hindert, sich der Spontaneität der Bewegung bedingungslos hinzugeben.
Die Bewegung muß, wie sie meint, nach etablierten Regeln ausgeführt
werden, für improvisierte Bewegungsabläufe und Intuition bleibt
kein Raum. Zu guter letzt gerät sie in sexuelle Erregung, und zwar
nicht mehr symbolisch, sondern als echte Erfahrung, die sie sich nunmehr
gestattet und über das Medium ihrer Physis zum Ausdruck bringt.
Interessant ist, dass die Bilder während der Phase der Willensbildung
und der Integration nichts Überweltliches mehr haben, sondern eher
eine Synthese aus einer dunklen, nasse Tier- und Pflanzenwelt und einer
überweltlichen Lichtwelt ergeben. Auf einer ähnlichen Synthese
beruht ja auch unsere normale Welt: Gott ist Licht für die Seelen,
die im Dunkeln siedeln; für jene aber, die im Bereich des Tages zu
Hause sind, hat er nur Menschengestalt - meinte schon Blake. Aus dem kosmischen
"Ich bin" wurde hier ein irdischeres "Ich bin ich".
Unsere Patientin hat freilich nicht getanzt. Und dies lässt vermuten,
dass ihre unbewussten Wünsche noch eine weiter Barriere zu überwinden
hatten und der Prozeß, den wir verfolgten, noch nicht abgeschlossen
gewesen sein mag. Tatsächlich stellte sie, wie es öfter bei
unvollständigen Ibogain - Erfahrungen geschieht, noch lange Reminiszenzen
über die Vorgänge dieser Sitzung an; sogar noch vierundzwanzig
Stunden danach sah sie sporadisch einzelne Bilder: Sie sieht einen riesigen
Saurier mit krokokilartiger Haut und identifizierte sich mit ihm; dann
beginnt sie ihn zu beschimpfen und gellend zu schreien:
"Ich bin grauenhaft, grau, schwarz, hart!"
Ich lebe in dieser schrecklichen unterirdischen Höhle.
Ich will allein sein, allein. Ich will kein Leben um mich.
Eine Königin, mächtig in dieser Einsamkeit.
Ich bin die Königin der Finsternis
Ich biiin die Beeestie!
Ich will kreischen, brüllen, heulen, vernichten.
Ich will töten, zerbrechen, durchbohren, zerkratzen, zerschmeißen,
zerschmettern, zerreißen, zerquetschen, zermalmen.
Ich bin unerbittlich!
Ich bin unerbittlich!
Ich bin unerbittlich gegen mich selbst."
Wann immer "monströse" Triebenergien unter Kontrolle gebracht
werden sollen, muß zu diesem Zweck ein gleichermaßen mächtiges
"Monstrum" herhalten. Und gerade diese Verdrängungsaktes
muss sich die Person bewusst werden und realisieren, dass sie ihn selbst
verursacht , ehe sie diese Energie umzupolen vermag. Was zuvor noch relativ
sanft als verächtliches Gelächter des "Togdog" (Maria)
erlebt wurde, wuchs sich nun zu einem unerbittlichen Monstrum aus, und
sie wird gewahr, dass dieses auch in ihrem alltäglichen Selbst existiert.
Die Ibogain - Sitzung erbrachte, wie zu erwarte, einen bedeutenden Gewinn
an Spontaneität und an Mut, ihrem Zorn Luft zu machen. Der Wandel
zeigte sich nicht nur in ihren Bewegungen, die gewschmeidiger werden,
sondern auch in ihrem lebhafteren, reaktivieren Gesichtsausdruck. Es war
ihre dritte Sitzung gewesen, diesmal mit pharmakologischen Agenzien; bei
den anderen beiden hatte ich ihr LSD-25 und MDA gegeben. Bei der LSD -
Sitzung im Jahr zuvor hatte sich ihre zwar die Schönheit der Außenwelt
offenbart, sich selbst aber hatte sie hässlich gesehen - eine dramatische
Demonstration ihrer Selbstmissachtung wie für die noch zu leistende
innere Arbeit. Sechs Monate später gab ich ihr MDA, was ihr erstmals
die Erfahrung des "Ich bin Ich" vermittelte, wobei sie realisierte,
dass sie bisher ihr Leben lang Meinungs - und Verhaltensklischees übernommen
hatte, die zu ihren echten Gefühlen und Ansichten in Widerspruch
standen. Durch die Anwendung von Ibogain wurde zum ersten Mal ihr Triebleben
erfasst, und danach hatte sie sich nach eigener Ansicht und der anderen
Menschen am eklatantesten verändert.
Zusammenfassend könnte man sagen, der psychologische Prozess bestand
bei Ibogain in der zunehmenden Akzeptierung und Äußerung ihres
Trieblebens. Was zunächst in Gestalt flüchtiger und bedrohlicher
( mit Aggressivität und Sinnlichkeit befrachteter) Bilder in ihr
Bewusstsein Eingang gefunden hatte, zeichnete sich allmählich immer
detaillierter ab, führte zur Kristallisation der Idee Tanz, dann
zur realen Bewegung, dann zur sexuellen Erregung und machte sich schließlich
in gellendem Schreien Luft. Genauer gesagt: Was da vor sich ging, war
die Aufdeckung verdrängter Triebe bei gleichzeitiger Bloßlegung
und Darstellung von "Phantomen", von "Introjektionen",
jener Topdogs, die gleich einer Presse die Triebe niederhielten. Solche
Phantome leben indes vom Blut der Unterdrückten. Genau in diesen
furchterregenden Wächtern haben sich die Energien der Patientin verkapselt;
und indem sie diesen Phantomen Stimme verleiht, kommen die verkapselten
Energien, ihre Triebe, zu Worte - und damit sie selbst.
Angesichts unseres übergreifenden Anliegens, die psychodynamischen
Abläufe zu erkennen, zu erfassen und zu interpretieren - ein Vermächtnis
der Psychoanalyse - können wir, wie ich meine, den soeben beobachteten
Prozess der Triebfreisetzung nicht hoch genug bewerten. Und ebenso meine
ich, dass die Anwendung von Ibogain dieses Nachgeben erleichtert, was
wiederum einen Lernprozess nach sich zieht und somit der Spontaneität
für alle Zeiten eine breit Bahn öffnet. Man kann dies als korrektive
Erfahrung auffassen insofern, als sie dem Patienten die Möglichkeit
gibt zu entdecken, dass das, dem nachzugeben er sich fürchtete, in
Wirklichkeit weder zu fürchten noch unakzeptabel ist.
Eines der klar umrissensten Resultate meiner Praxis mit Ibogain erreichte
ich durch die Behandlung eines Mannes, der eine homosexuelle Vergangenheit
hatte, sich dann verheiratete, zu seiner Frau aber keine rechte Beziehung
fand und auch körperlich nicht an ihr interessiert war. Obwohl er
in der Sitzung "Kastrationsängste" zeigte, bleiben sie
weitgehend unanalysiert, ebenso seine hypothetische Frucht vor Frauen.
Statt dessen geschah etwas anderes: Als er an einem bestimmten Punkt während
der Sitzung sexuelle Erregung verspürte, ging er ins Badezimmer,
weil er glaubte, masturbieren zu müssen. Doch als er dies versuchte,
wurde ihm klar, dass dies lediglich ein Ersatz für Verkehr sein würde;
was er brauchte, war eine Frau. Dann stellte er sich vor, dass er seine
Frau in den Armen hielte. Er begann sich wie beim Geschlechtsverkehr zu
bewegen- zunächst ungelenk, wie in Wirklichkeit, dann zunehmend geschmeidiger.
Jetzt spürte er, dass sein Körper ausdrücklich zu diesem
Zweck geschaffen war, und seine Bewegungen wurden rhythmisch und musikalisch.
Dicht vor dem Orgasmus ging ihm auf, wie vollkommen der menschliche Leib
geschaffen ist; er wurde deutlich der Anatomie von Mann und Frau gewahr
und empfand, dass die Frau nicht lediglich ein Gefäß für
den männlichen Samen sei, sondern sein ganzes Sein aufnehmen konnte.
Mit seinem Samen floß und floß sein ganzes Sein in den Körper
des Weibes, der ihn in dem Augenblick aufnahm in dem er den gefürchteten,
dennoch lustvollen Prozess der Desintegration durchmachte.
Was sich hier abspielte, war kein physischer Orgasmus. Er selbst nannte
es einen "psychologischen Orgasmus", es war nicht einmal zur
Erektion gekommen. Nichtsdestoweniger empfand er hinterher vollkommene
Befriedigung.
Ich habe den Vorgang hier in jedem Detail so wiedergegeben, wie der Patient
ihn selbst schilderte, weil nur diese Einzelheiten die Qualität der
Erfahrung vermitteln können. Die ganze Episode dauerte nicht länger
als fünf Minuten im Rahmen einer sechsstündigen Sitzung, in
deren Verlauf viele fragen zur Sprache kamen. Bedeutsam ist aber, dass
er sich erstmals beim Geschlechtsverkehr mit seiner Frau freien Lauf gelassen
hatte, wenn auch nur in seiner Vorstellung. Und wie sich erwies, war es
auch nicht das letzte Mal; es war der Anfang einer sehr nahen sexuellen
und emotionalen Beziehung.
Die Erfahrung des Patienten beinhaltete weit mehr, als die schlichte Geschichte
von sexueller Erregung und anschließende Erlösung von Spannung
zunächst erkennen lässt. Wie er sie beschrieb, hatte sie eher
den Charakter des Archetypischen; sie enthüllte ihm das archaische
Sexualmuster unserer menschlichen Spezies, was ihm zur Verinnerlichung
der Geschlechtsbeziehung verhalf. Indem er - wie die Patientin unseres
vorigen Beispiels - den Geschlechtsakt gewissermaßen ausagierte,
verlieh er seinen Eingebungen Realität und beseitigte damit jene
Ängste, die sein Verhalten sein Leben lang konditioniert hatten.
Bei ihm scheint die Drogenerfahrung den Anstoß zu weiterer Erforschung
und Entfaltung gegeben und weniger als Auslöser drastischer Veränderungen
gedient zu haben. Der Patient, der weit gereist war, um mich zu konsultieren,
kehrte nun in seine Heimat zurück und schrieb mir sechs Monate später:
"Ich fühle mich meiner Frau nun sehr nah. Selbst die Tatsache,
dass ich ihr offen sagte, ich hätte sie früher nicht geliebt,
schient uns beide einander noch näher gebracht zu haben. Dinge, die
mich früher erbitterte, machen mir jetzt nicht mehr viel aus, und
ich begehre sie öfter als vorher. Unsere sexuellen Beziehungen sind
perfekter geworden, weil wir sie nun gemeinsam erleben. Ich füle
mich freier beim Akt und empfinde weit mehr Genuß. Ich fühle
mich in meiner Ehe nicht mehr als Gefangener, ich merke, dass wir vieles
gemeinsam haben. Ich glaube, meine Frau jetzt besser zu kenne."
Bisher habe ich hier Prozesse spontanen Selbstausdrucks in Bild, Wort
oder Tat dargestellt sowie deren Auslösung mit Hilfe gesteuerter
Wachträume, durch Rekapitulierung beziehungsweise Wiederholung von
Träumen, Betrachten von Fotos sowie den Umgang mit verschiedenen
Materialien mit Hilfe der Konfrontation und Personifizierung. Letztere
können gelegentlich (mit Ibogain oder Gestalttherapie ohne Anwendung
von Drogen) zu sehr detailliertem ausagieren führen. Doch gibt es
weiter Situationen, die ich hier erörtern möchte, nicht nur
weil sie mir bei jeder dritten Sitzung etwa begegneten, sondern wegen
ihrer besonderen Qualität und Bedeutung: das Reminiszieren und Ausagieren
früher Jugenderlebnisse, das durch In-Beziehung-Setzen zur momentanen
Situation oder Imagination, durch Betrachten von Fotos oder Deutung des
Patientenverhaltens in Gang gebracht werden kann.
Wie erwähnt, typisch für Ibogain ist, dass es die Erinnerung
an inneren Vorgänge oder Fantasien, und weniger an äußere,
wie bei MDA der Fall, wachruft. Hierbei kann es sich um fixierte Vorstellungen
wie zum Beispiel die Elternbilder oder um gegenwärtige Vorgänge
handeln. Als Beispiel dafür kann die Geschichte einer Frau mittlerer
Jahre dienen, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt der Sitzung plötzlich
wieder an folgendes Erlebnis erinnerte: Ihr Vater kam mit Geschenken für
die Familie nach Haus und schenkte ihren Brüdern und Schwestern alle
möglichen Mitbringsel, die sie sich vorher gewünscht hatten.
Sie aber hatte nur den Wunsch geäußert, seine Lieblingstochter
zu sein: "Meinetwegen, Papa, solltest du kein Geld ausgeben."
Und so brachte er ihr dann tatsächlich ein ziemlich wertloses Geschenk
mit: eine kleine Brosche in Gestalt eines Hundes. Diese Geschichte war
ihr vermutlich bewusst in Erinnerung gewesen, doch hatte sie seit ihren
Kindertagen nicht mehr daran gedacht. Jetzt aber fiel ihr zu ihrer Überraschung
noch etwas Anderes ein: dass sie sich aus Enttäuschung über
das geringe Geschenk ausgemalt hatte, wie der kleine Hund ihrem Vater
den Penis abbiss und ihn verschlang. Außerdem erinnerte sie sich,
dass sie darüber heftige Gewissensbisse empfand, als sei das Eingebildete
Wirklichkeit gewesen. Dieses Schuldgefühl hatte seitdem ihr Verhältnis
zu ihrem Vater schwer belastet. Jene wenigen Sekunden inneren Erlebens
hatten sich magisch auf ihr ganzes Leben ausgewirkt und ihrem engen Verhältnis
zu ihrem Vater en Ende gesetzt. Als ich sie nun aufforderte, sie möge
sich vorstellen, sie spräche jetzt zu ihrem Vater, erzählte
sie ihm , was geschehen war. "Er" zeigte Verständnis, und
so durfte sie sich wieder frei von Schuld fühlen. Als sie dann wirklich
wieder mit ihrem Vater zusammentraf, spürte sie für ihn wieder
die gleiche Liebe wie ehedem.
Diese Episode lässt sich entnehmen, dass ein seelischer Vorgang sich
auf das Leben ebenso oder sogar mehr auswirken kann, als ein Faktum; doch
ist sie insofern aufschlussreich, als sie dokumentiert, dass es möglich
ist, sich selbst noch nach sehr langer Zeit einer Vorstellung zu erinnern,
die vermutlich in dem damaligen Augenblick nicht ins Bewusstsein trat.
Diese spezielle Fantasie scheint ihrem Wesen nach von gleicher Art zu
sein, wie die Iboga - Imaginationen (das Tier, das die Genitalien abbeißt
und verschlingt, als ödipale Situation), und desgleichen ebenso die
Empfindungen ( Zorn, Groll, Frustration) , die Iboga auszulösen neigt,
so dass wir sogar versucht sein können, diesen ganzen Aspekt der
"Iboga-Welt" als Manifestation der Regression zu bezeichnen.
Doch lasse ich diese Frage zunächst im Raum stehen.
Während die Patientin des letzten Beispiels ihre Fantasievorstellung
als solche erkannte, kommt es auch vor, dass sich der Analysand weitgehend
einer äußeren Wirklichkeit erinnert, von der man annehmen kann,
dass sie als Pseudoerinnerung in die Vergangenheit projiziert wird, genau
wie die Halluzination eine Pseudowahrnehmung der Gegenwart ist. Wann immer
ich einen solchen Fall vor mir zu haben glaube, behandle ich die Erinnerung,
als sei sie Imagination, und die agierenden Personen als Projektionen
der Persönlichkeit. Darum fordere ich den jeweiligen Patienten auf,
sich ihnen zu stellen oder sie darzustellen, bis ihre psychologische Realität
sich im derzeitigen Denken der Person ermitteln lässt.
Betrachten wir einmal folgenden Ausschnitt aus einer Sitzung:
Die Patientin (eine junge Schauspielerin, die mich wegen Eheschwierigkeiten
konsultierte) erzählte mir einen Traum, in dem sie zu ihrer Überraschung
einen kleinen Kobold zur Welt brachte - eine kräftigen gesunden Miniaturmann.
Ich bat sie, mit mir zu sprechen, als sei sie selbst dieser kleine Mann.
"Er" sagte: "Nennen Sie mich Shawn. Ich bin sehr intelligent.
Ich werde singen und ich werde auch tanzen. Ich wird's Ihnen zeigen, ich
wird's Ihnen zeigen." Nachdem sie bei diesen Worten die Stimme des
Kobolds imitiert hatte und sich sein Aussehen vor Augen hielt, ging ihr
auf, dass sie stets darauf bedacht gewesen war, aller Welt zu zeigen,
wie intelligent und geschickt sie sei. Dann fiel ihr auf, dass der Kobold
die gleiche Figur wie ihr Mann und gleichzeitig die ihres Jugendfreundes
besaß, und sie erkannte, dass sie gern deren Leben gelebt hätte,
anstelle des eigenen. "Anscheinend wollte ich immer ein Junge sein",
sagte sie. "Für mich selbst habe ich nie viel übrig gehabt."
Hier griff ich ein und stellte ihr die Frage, ob sie sich nicht, da der
Kobold den Begriff des Fremdartigen, Ungewöhnlichen vermittle, ihren
Eltern gegenüber in ähnlicher Weise fremd gefühlt habe.
Das leuchtete ihr ein. Für ihre Mutter war sie ein kleines Scheusal
gewesen, und so hatte sie sich immer als abartig empfunden. Teilweise
war dieses Gefühl auf die Tatsche zurückzuführen, dass
ihre Eltern kaum jemals zärtlich zu ihr gewesen waren, als ob sie
sich davor gescheut oder nicht gewusst hätten, wie sie es anfangen
sollten. Also schlug ich ihr vor, sich in ihren Zustand als kleines Baby
hineinzuversetzen und sich zu vergegenwärtigen, was sie damals empfunden
haben könnte. Ihre Erinnerung war recht realistisch:
"Ich ging zurück, immer weiter, bis ich etwa ein Jahr alt war
und in meinem Kinderbettchen stand. Es hatte ein Gitter ringsum, und ichkannmich
meiner Eltern erinnern und erlebenalles, als wäre es heute, alle
Empfindungen und Bewegungen, Farben, das Tageslicht, einfach alles. Meine
Eltern winkten mir zu und sagen immer "Deli Deli" zu mir. Sie
rührten mich nicht an, obwohl ich mich danach sehnte. Sie betrachteten
mich als eine Art Wundertier. Und nun erkenne ich , dass der Kobold in
Wirklichkeit damals geboren wurde - ich war eine Art Ausstellungsstück
und ken menschliches Wesen. Es scheint, dass es mir damals an Liebe fehlte.
Ich war auch in jenem Kinderbett drin, es wirkte auf mich wie ein Käfig."
Man beachte das Motiv "Gefangenschaft", verbunden mit dem Gefühl
der Frustration. Sie litt während sie sich in diesen Erinnerungen
erging. Beständig habe sie sich krank gefühlt, anders als andere
Leute; sie werde nicht geliebt. Das intensivste Gefühl von Liebesentzug
empfand sie beim Gedanken an ihre Mutter. Sie erinnerte sich , wie sie
in Zimmer kam, sie anschrie und mit Füßen stampfte. Während
das Baby weinte und nach seiner Mutter verlangte, sagte diese nur: "Laß
mich in Ruhe. Hör auf zu schreien. Ich muß jetzt den Abwasch
machen!" Ich forderte sie auf, als ihre Mutter zu sprechen. Daraufhin
ahmte sie deren Stimme und Tonfall nach. Hier folgt eine Passage aus der
Niederschrift ihrer Erinnerungen an den weiteren Ablauf der Sitzung:
"Der Arzt sagte, ich solle meiner Mutter antworten und ihr sagen,
was sie mir antat, und wie mir zumute war. Ich schrie sie genauso an,
wie sie mich angeschrieen hatte. Er machte mich darauf aufmerksam und
sagte, ich sole versuchen, ihr von mir aus zu antworten und meine eigenen
Gefühle zu beobachten, mich um eigenen Ausdruck bemühen. Ich
begann zu weinen und suchte nach meiner Stimme, doch sie versagte mir.
Ich konnte mich auch selbst nicht finden. Er sagte, ich solle mir vorstellen,
meine Mutter nähme mich auf und liebkose mich. Sie nahm mich hoch,
doch hasste ich sie in diesem Augenblick, weil sie es nicht schon eher
getan hatte. Ich wollte ihre etwas antun, um ihr zu zeigen, wie mir zumute
war. Der Arzt schlug mir vor, sie zu schlagen. Ich begann auf ein Kissen
einzuhämmern, aber nicht stark genug, denn ich liebte sie ja zugleich.
Ich empfand Schuldgefühle, weil sie mir nicht erlaubte, ihr meine
Liebe zu zeigen. Mir wurde klar, dass sie mich niemals gelehrt hatte,
zärtlich zu sein. Und ebenso wurde mir klar, dass es nicht nur wichtig
ist, geliebt zu werden, sonder auch wiederlieben zu dürfen. Der Arzt
forderte mich daraufhin auf, sie in die Arme zu nehmen und zu herzen.
Ich nahm sie in die Arme und herzte sie und fühlte mich wohler, doch
war ich immer noch traurig, und ich fragte ihn, was ich gegen meine Schuldgefühle
tun solle. Er antwortete: "Akzeptieren Sie sie." Ich fühlte
mich noch immer elend. Ich war allein in diesem Zimmer. Ich fühlte
mich innerlich elend, elend, elend. Ich hatte das Gefühle, als hätte
ich ein großes schwarzes Loch in mir. Das erzählte ich ihm
nicht, weil ich es für schlimm hielt. Während ich immer noch
im Kinderbett saß, spürte ich Licht, das in einem deutlich
sich abzeichnenden Strahl durch das Fenster ins Zimmer und auf den Fußboden
fiel. Das Licht wärmte mich und erfüllte mich mit dem Gefühl
der Einsamkeit. Ich spielte mit dem Licht. Es war Gott. Ich liebte das
Licht und die grünen Pflanzen, die ich draußen vor dem Fenster
sah. Der Tag war so strahlend und warm, und Mutter so kalt und missgestimmt.
Ein oder das andere Mal fand ich im Gespräch mit meiner Mutter meine
Stimme wieder. Sie hörte sich traurig an, wie die Stimme eines kleinen
Mädchens, da um Liebe bat. Die einzige Linderung für mein Leid
war das Licht."
Auch hier können wir beobachten, wie sich die Qualität der
Erfahrung steigert, je mehr die Patientin ihren wahren Gefühlen nachzugeben
vermag: Schmerz und Liebesbedürfnis, die sie Sich-Selbst (ihre eigene
Stimme) finden lassen, wie auch die Tröstung durch die Helle des
Lichts. Das bild des strahlenförmigen Lichts und das damit verbundene
religiöse Gefühl sind anderen visionären Erfahrungen unter
Ibogain so ähnlich, dass man sie kaum als echte Erinnerung betrachten
kann, dennoch lässt sich nicht ganz von der Hand weisen, dass das
Erlebnis des Lichts im Kind schon Entzücken hervorgeru |