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Ibogaine
Erschienen in ESOTERA, August 96
von Karl Naeher
Die Droge gegen Drogen
Die rauscherzeigende Iboga-Pflanze gilt seit alters her als heilig. Jetzt
wurde ihre heilende Wirkung bei der Therapie von Suchtkranken entdeckt.
Seit Jahrhunderten verehren die Bwiti, ein Volksstamm im Westen Afrikas,
eine buschige Pflanze mit orangebarbenen Schoten als heilig. "Eboka"
oder "Iboga" wird sie in Gabon, Kamerun und dem Kongo genannt,
was soviel wie "Wunderholz" bedeuted; die botanisch korrekte
Bezeichnung ist TABERNANTHE IBOGA, eine Art der Hundgiftgewächse.
Das Besondere für die Bwiti ist die Wirkung ihres Wurzelextrakts:
Er erzeugt bei Menschen einen - von ihnen als heilig bezeichneten Rausch,
der einer "mystisch-visionären Reise " entsprechen soll.
Nicht diese Rauscherfahrung aber weckte das Interesse heutiger Mediziner
und Therapeuten an der Pflanze und ihrem Hauptwirkstoff "Ibogain",
sondern dessen ungewöhnliche Wirkung auf Drogensüchtige. Es
entpuppte sich nämlich als hochwiksames Mittel zur Heilung von Süchtigen
-egal, ob es sich dabei um Alkohol-,Heroin-, Kokain- oder Methadon-Abhängigkeiten
handelt. Etwa 75Prozent der Süchtigen blieben nach der Einnahme von
Ibogain und einer begleitenden psychologischen Betreuung von ihrer Sucht
geheilt, lauten übereinstimmend die Berichte einzelner Therapeuten
und der "INTERNATIONAL COALITION FOR ADDICT SELF-HELP (ICASH), einer
kleinen Privatorganisationm die sich um die Erforschung von Ibogain bemüht
und Therapien vermittelt. Das wäre eine Erfolgsquote, die andere
Drogentherapien bei weitem übertrifft. Durch die Einnahme von Ibogain
wird eine bestehende körperliche oder psychische Drogensucht "aufgelöst",
und dies völlig ohne die sonst üblichen Entzugserscheinungen.
Man bezeichnet Ibgoain daher auch als die "Droge gegen Drogen".
Obwohl Ibogain offiziell als Halluzinogen bezeichnet wird und eine strukturelle
Ähnlichkeit mit LSD aufweist, verursacht es doch eine ganz anders
geartete psychedelische Reise - ohne die Gefahr eventueller "Horrortrips",
wie sie bei LSD auftreten können. Vor allem kann der emotionale und
visuelle Eindruck der Erschienungen jederzeit unterbrochen werden. Am
wichtigsten aber ist, daß Ibogain selbst keine körperliche
oder psychische Abhängigkeit erzeugt.
In der Kultur der Bwiti spielt Eboka eine ganz besondere rolle. Der Wurzelextrakt
wird in klienen Mengen während kultischer Zeremonien eingenommen.
Auserwählte Stammnesmitglieder dürfen als besnderen Initiationsritus
ein einziges Mal im Leben eine größere Menge davon schlucken.
Die hohen Dosen bewirken vorübergehende Gleichgewichts- und Bewegungsstörungen
(Ataxie), manchmal Erbrechen sowie Visionen, die die Grenzen von Raum
und Zeit zu durchbrechen scheinen. Derart "Eingeweighte" haben
eigenen Berichten zufolge oft den Eindruck, sich auf einer tagelangen
mythischen Reise befunden zu haben , obwohl höchstens zehn Stunden
Realzeit unter dem vollen Einfluß der Droge vergangen sind. Oft
fühlten sie sich schwerelos oder geradezu, als seien Körper
und Geist voneinander getrennt. Während dieser psychedelischen Reise
werde der "Ibogain-Esser" -"ndzi-eboka", wie er bei
den Bwiti heißt - mit verstorbenen Stammesmitgliedern konfrontiert.
Höhepunkt der Vision sei das Erscheinen Bwitis, ihres Stammesgottes,
der dann auf Lebensfragen Antwort gebe.
Zum ersten Mal wurden deutsche und französische Wissenschaftler um
die Jahrhundertwende in Kamerun auf die ungewöhnliche Pflanze aufmerksam.
Sie entwickelten ein Medikament, das Ibogain enthielt und in Frankreich
unter dem Namen "Lambarene" bis 1966 als eines der ersten Antidepressiva
angeboten wurde. 1962 nahm der Amerikaner Howard Lotsoff, der damals drogenabhängig
war, Ibogain in der Hoffnung, eine neue exotische Rauscherfahrung machen
zu können. Zu seiner großen Überraschung fand er sich
36 Stunden nach der Einnahme - nach einem langen Trip un dviel Schlaf
- völlig frei von seiner Drogensucht, und das ohne jedwede Entzugserscheinung.
Von sechs seiner Freunde, denen er Ibogain gab, wurden fünf ebenfalls
von ihrer Kokain- und Heroinsucht befreit. Aufgurnd dieser verblüffenden
Heilerfolge gründete er die Organisation "INTERNATIONAL COALITION
FOR ADDICT SELF HELP" (ICASH), die sich auch heute noch für
die Therapie mit Ibogain einsetzt.
In den USA und Belgien ist Ibogain seit den 60er Jahren wegen seiner Rauschwirkung
verboten. ICASH organisierte deshslb einige Jahre lach Flüge von
einzelnen therapiewilligen Drogensüchtigen nach Holland. Nach den
Statistiken von ICASH blieben 75 Prozent der Behandelten zumindest über
einen Zeitraum von 6 Monaten von ihrer Sucht nach Heroin, Kokain, Alkohol
oder Methadon geheilt. Danach verlor die ICASH die meisten der Behandelten
aus den Augen.
"Ich habe zehn Jahre lang Drogen genommen udn war in einem dreieinhalb
Jahre langen Entzugsprogramm", bericfhtet zum Beispiel ein 28jähriger
Ex-Drogensüchtiger, der durch Ibogain geheilt worden ist ( in dem
Bericht von Max Cantor)."Ich habe Methadon genommen und war dann
abängig davon. Ich schluckte Pilze und nahm LSD. Ich kenne das ganze
Spiel, un dnichts kann mit Ibogain verglichen werden. Es ist keine Vergnügungsdroge.
Seit der Ibogain-Behandlung habe ich kein Bedürfnis mehr nach Heroin,
Kokain. All das Zeug ekelt mich an. Und zwar wegen dem , was ich iun mir
selbst sah. Heute lebe ich immer noch in der 3. Straße mit Leuten,
die sich dauernd Heroin spritzen, doch ich habe seitdem nichts genommen,
kein Bedürfnis. Ich sehe Leute, die sich vor mir spritzen und sage
nur: Scheiß drauf."
Erst Ende der 80er Jahre begannen verschiedene Biologen und Mediziner,
die Wirkung von Ibogain wissenschaftlich genauer zu erforschen. In mehreren
Untersuchungen zwischen 1988 und 1992 wurde festgestellt, daß Ibogain
Entzugserscheinungen bei Morphin-abhängigen Ratten bzw. Affen deutlich
reduziert. Darüber hinaus wurde in Versuchen mit Ratten bewiesen,
daß durch Ibogain auch die "Selbstverabreichung von Morphin"
abnimmt. Den Tieren war ein spezieller Spritz-Mechanismus auf dem Rücken
installiert worden, mit dessen Hilfe sie sich durch eine geschickte Bewegung
selbst das Rausch mittel injezieren konnten. In weiteren Versuchen wurde
eine vergleichbare Wirkung auch bei Kokain bewiesen.
Ebenfalls festgestellt wurde jedoch, daß extrem hohe Dosen von Ibogain
bei Ratten Organveränderungen verursachen können. Bei Affen
traten diese negativen Auswirkungen hingegen nicht auf.
Diese Ergebnisse waren der Anlaß, daß schließlich die
"University of Miami" in Florida 1993 unter der Leitung von
Dr. Deborah Mash begann, die Wirkung von Ibogain in einer streng medizinischen
Studie zu untersuchen. Bis heute wurde jedoch erst die Phase der Tierversuche
beendet. Der geplante klinisch-medizinische Teil der Studie am Menschen
verzögerte sich mehrmals. Die "Food and Drug Administration"
(FDA) schiebt nach wie vor die Bereitstellung der nötigen Finanzen
hinaus, obwohl offiziell die Genehmigung für Tests am Menschen vorliegt.
Aufgrund der rigorosen Haltung der FDA gegen alle rauscherzeugenden Substanzen
liegt die Vermutung nahe, daß die Rauschwirkung von Ibogain der
Grund für das Hinauszögern ist. In Wirklichkeit stellt Ibogain
jedoch überhaupt kein Problem in der Drogenszene dar. In den letzen
30 Jahren wurde lediglich drei Gramm dieser Substanz von den Drogenfahndern
beschlagnahmt. Eine Erklärung hierfür ist zum einen der hohe
Preis für Ibogain. Zum anderen aber auch, daß Ibogain nach
wiederholter Einnahme seine psychedelische Wirkung verliert.
Dr. Bianchi Antonio, Anästhesist und Toxikologe in Verona, erklärt
diese verblüffende Eigenschaft dadurch, daß sich im Gehirn
ein biochemisches Gleichgewicht wiederherstellt - vor allem der Dopamin-Haushalt,
der für Schmerz- und Freude-Empfindungen verantwortlich ist, kann
sich so dauerhaft regulieren. Nach dieser biochemischen Normalisierung
und Harmonisierung aber verlieren alle Drogen -einschließlich Ibgoain-
ihre Rausch-und Suchtwirkung.
Einen anderen Erklärungsansatz hierfür hat Dr. Mark Molliver
von der "John Hopkins Medical School" in den USA entwickelt.
Er ist der Überzeugung, daß jede Art von Abhängigkeit
- egal , ob es sich dabei um eine chemische oder psychische handelt -
im neurologischen Sinne "angelernt" ist. Im Laufe des "Lernprozesses"
der jeweiligen Sucht werden nämlich bestimmte Nerven-Leitbahnen ausgebildet.
Durch die von Ibogain hervorgerufenen "Wachträume" hingegen
werden diese neurologischen Leitbahnen wieder abgebaut.
Die bisher wohl umfangreichsten Erfahrungen in Ibogain-unterstützter
Psychotherapie sammelte bereits Ende der 60er Jahre der chilenische Psychiater
Claudio Naranjo. Nach seinen Erfahrungen und denen späterer Therapeuten
ist die Einnahme von Ibogain von ganz bestimmten psychologischen Auswirkungen
begleitet, die in drei Phasen gegliedert werden können: erstens ein
Wiedererleben von unterdrückten, verdrängten Erinnerungen, zweitens
ein bewußtes Erkennen und Aufarbeiten dieser Erinnerungen und drittens
eine Integration des neuen Verständnisses in die Persönlichkeit.
Typisch hierfür sind die weiteren Aussagen des bereits erwähnten
28jährigen Ex-Drogensüchtigen: "Drogen sind nicht das Problem,
sie sind nur das Symptom. Ibogain läßt dich das Problem sehen,
und du kannst es eliminieren. Während des Ibogain-Trips erscheinen
Erinnerungen wie auf einer Leinwand im Kino. Du siehst, was du im Leben
falsch gemacht hast, un ddu siehst, was du tun mußt, um es zu korrigieren."
Die Inhalte der Ibogain-Visionen sind zwar individuell sehr verschieden,
dennnoch stellen Therapeuten gewisse Gemeinsamkeiten fest: Am Anfang einer
Ibogain - Sitzung erscheinen meist archetypische Inhalte der Psyche wie
Tiere, Lichtspiralen, geometrische Zeichen und rhythmische Musik. Wie
Albert Hofmann, der Entdecker der halluzinogenen Wirkung des LSD , in
seinem Buch "Pflanzen der Götter" schreibt, bewirken hohe
Dosen Synästhesien im Gehör-, Geschmacks- und Geruchsinn. Danach
folgen oftmals längst vergessene Szenen aus der Kindheit und dem
späteren Leben. Dem folgt eine lange Phase, in der die bedeutungsvollen
Visionen in die Psyche integriert werden.
Wie Hoffmann berichtet, können dabei die unterschiedlichsten Stimmungen
von Angst bis Euphorie durchlebt werden. Eine begleitende spychologische
Betreuung während der Einnahme wird jedoch dadurch erleichtert, daß
der Patient immer ansprechbar bleibt und mit seiner Willenskraft die Visionen
beeinflussen kann.
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LexikonderZauberpflanzen
Kapitel aus dem Buch: Trips, Wie Halluzinogene wirken
Kapitel aus dem Buch: Traum und Wirklichkeit, Naranjo
London Times
Wall Street Journal 2002
Esotera
Hanfblatt
Herointimes
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